Wohneigentumsförderung soll um fast die Hälfte gekürzt werden
Der Staat erschwert Familien die Baufinanzierung

Der Buß- und Bettag am kommenden Mittwoch hat dieses Jahr eine besondere Bedeutung. Die rot-grüne Regierung segnet ihre Streichliste ab. Prominentes Opfer: die Eigenheimzulage. Sie wird drastisch gekürzt. Wer die alte Förderung nicht einbüßen will, muss rasch handeln, sollte dies aber nicht um jeden Preis tun.

DÜSSELDORF. Dass man Leute eher an ihren Taten als an ihren Worten erkennt, wussten weise Menschen schon lange, bevor Gerhard Schröder Bundeskanzler wurde. Und dass die rot-grüne Regierung die Eigenheimzulage antasten würde, war den Fachleuten entgegen den anders lautenden Beteuerungen vor der Wahl ebenfalls klar.

Denn allein im kommenden Jahr überweisen die Finanzämter rund 10,7 Milliarden Euro an Haus- oder Wohnungsbesitzer (siehe Grafik). Doch dass die Koalitionäre den Rotstift so rigoros ansetzen würden, schockte dann aber potenzielle Bauherren, Wohnungswirtschaft und Immobilienfinanzierer so sehr, dass SPD und Grüne rasch eine Neuregelung der Neuregelung zurecht zimmerten.

Das Forschungsinstitut Empirica hat nachgerechnet: Rund die Hälfte aller Haushalte verliert den Anspruch auf die Eigenheimzulage. Das entspricht auch etwa der Größenordnung der geplanten Einsparungen. Nach Ansicht der betroffenen Branchen ist eines besonders bedenklich: Gerade Schwellenhaushalten, die mit ihrem Geld gerade so über die Runden kommen, werde der Einzug in die eigenen vier Wände durch die rot-grünen Reformpläne erheblich erschwert.

Nach dem aktuellen Stand der Dinge werden Familien mit einem und zwei Kindern nun etwas weniger stark geschoren als nach Plan A (siehe Tabelle ganz unten). Alle übrigen Familien werden dagegen sogar noch heftiger gerupft als nach der ursprünglichen Koalitionsvereinbarung. Und schlechter als nach der seit 1996 bestehenden Regelung fahren praktisch alle. Denn wer ein Haus kauft, muss schon neun Kinder haben, um von der Neuregelung zu profitieren. Und wer baut, wäre schon auf die Klontechnik angewiesen: Um nicht schlechter gestellt zu werden, müssten sage und schreibe 48 Kinder her.

Kinderlose brauchen sich sowieso keine Gedanken mehr zu machen, wie sie die Eigenheimzulage am besten in ihre Baufinanzierung einbauen. Sie gehen leer aus. Der Familie mit einem Kind fehlen gut 12 000 Euro im Vergleich zur bisherigen Förderung, wenn sie ein neues Eigenheim bezieht. Kauft sie eine gebrauchte Immobilie, dann beträgt die Lücke immerhin noch gut 2 000 Euro.

Da viele Geldinstitute die Eigenheimzulage wie Eigenkapital behandeln, verstärkt sich der Negativeffekt noch. Denn je weniger Eigenkapital zur Verfügung steht, desto teurer wird der Kredit. "Bau- oder Kaufwillige werden also zweifach belastet", sagt Baufinanzierungsexperte Heinrich Bockholt.

Der Professor an der Fachhochschule Koblenz hat die negative Hebelwirkung der Kürzungen am Beispiel einer Familie mit zwei Kindern, die ein Haus baut, berechnet. Sie bekommt künftig 11 920 Euro weniger Eigenheimzulage als bisher. Wenn sie nun einen Kredit über 100 000 Euro über 25 Jahre mit einem Zins von 6,0 Prozent bedient und abbezahlt und die Zulage jeweils als Sondertilgung einsetzt, addiert sich die Belastung schon auf 19 302 Euro. Steigt das Zinsniveau langfristig auf rund acht Prozent, muss die Familie noch deutlich tiefer in die Tasche greifen.

Nähme die Musterfamilie ein marktübliches abgezinstes Eigenheimzulagen-Darlehen auf, ergäbe sich nach Bockholts Berechnung im Vergleich zur bisherigen Regelung ein Minus von annähernd 8 500 Euro an direkt verfügbarem Eigenkapital. Bei einem solchen Kredit zahlt die Bank nämlich die gesamte zustehende Eigenheimzulage auf einen Schlag aus, zieht aber auch sofort die Zinsen ab und kassiert dann die Zulage, sobald das Finanzamt sie überweist.

Für den Finanzprofessor ist die Neuregelung denn auch alles andere als familienfreundlich - ein Begriff, den die Bundesregierung sich auf die Fahnen geschrieben hat. Zudem beschneide sie wichtige Investitionsanreize. "Für zehn Euro vom Staat investieren die Leute 100 Euro", sagt Bockholt. Und das mietfreie Wohnen im Alter, ein zentraler Vorsorgeaspekt, werde damit erschwert.

Der Finanzexperte der Verbraucherzentrale Bremen, Arno Gottschalk, registriert bereits viele besorgte Anfragen, wie man die alte Förderung noch retten könne. Der Verbraucherschützer warnt aber vor Panikkäufen. Die könnten teuer zu stehen kommen. Sein grundsätzlicher Rat: "Schaut nicht nur aufs Geld, schaut auf Eure Lebenspläne!"

Viele schauen auf jeden Fall auf die Opposition im Bundesrat. Die Länderkammer könnte die Regelung noch entschärfen. Für Branchenkenner ist das letzte Wort ohnehin noch nicht gesprochen.

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