World Economic Forum
Globalisierung entzückt die Vorstände

Die Zeiten, in denen die Globalisierung der Weltwirtschaft in den Industriestaaten in erster Linie als Bedrohung und als Zwang zur Kostensenkung begriffen wurde, gehen offenbar zu Ende - zumindest bei den Managern.

DAVOS. Über 1 400 Vorstandschefs aus der ganzen Welt gaben in einer Umfrage der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft Price Waterhouse Coopers (PWC) zu erkennen, dass sie jetzt in der Globalisierung vor allem die Chance sehen, neue Märkte und Kunden zu erobern. So optimistisch waren die CEOs seit langem nicht mehr.

Die schnell wachsenden Volkswirtschaften der Schwellenländer Brasilien, Russland, Indien und China (bekannt unter der Abkürzung Bric) seien in der Vergangenheit von den CEOs vornehmlich als verlängerte Werkbänke mit niedrigen Lohnkosten gesehen worden, sagte PWC-Chef Samuel Di Piazza bei der Vorstellung der Umfrage am Rande des Weltwirtschaftsforums in Davos. Di Piazza: "Das ist jetzt anders. Jetzt sehen über zwei Drittel der Untenehmensführer, dass es in diesen Ländern große Wachstumschancen für international tätige Unternehmen gibt." Die neunte PWC-Umfrage dieser Art fand im vierten Quartal 2005 statt. 463 der 1 410 Interviews wurden in Europa geführt, davon 75 in Deutschland.

Rund 71 Prozent der Befragten sagten, sie wollten in den nächsten drei Jahren in mindestens einem der Bric-Staaten investieren. Favorit ist China: 78 Prozent planen Engagements im Reich der Mitte. 64 Prozent zieht es nach Indien, 48 Prozent nach Russland und 46 Prozent nach Brasilien. Das Meinungsbild der deutschen Top-Manager sieht nach Aussage von Wolfgang Wagner, Europachef von PWC, etwas anders aus: "Die Furcht vor der Globalisierung ist auch hier verschwunden. Favorit der Deutschen ist Russland; 80 Prozent der in Deutschland Befragten planen Investitionen in Russland."

Überhaupt seien die Zukunftserwartungen deutscher Unternehmer besser als anderswo: 25 Prozent der deutschen Befragten sagten, er oder sie habe "sehr positive Erwartungen" an die Globalisierung, während der Durchschnitt aller Befragten bei 18 Prozent lag und die Franzosen mit 13 Prozent besonders zurückhaltend wirkten. Interessant, so Wagner, sei auch, dass zwar 77 Prozent der Deutschen nach China gingen, um die Produktionskosten zu senken, dass mit 93 Prozent der Befragten aber die meisten in China investierten, um den dortigen Markt zu beliefern. Wagner: "Damit entstehen durch die Globalisierung Arbeitsplätze in Deutschland."

Der indische Markt werde weltweit noch unterschätzt, sagte Wagner, auch in Deutschland. Indien steht dieses Jahr in Davos im Mittelpunkt und hat die größte aller Delegationen in die Schweizer Berge geschickt. Eine ganze Reihe von Veranstaltungen stellt die Chancen in Indien dar. Wagner glaubt, dass der Standort Indien im Vergleich zu China mehr zu bieten habe - etwa eine stabile Demokratie, eine bessere Infrastruktur, ein hohes Wachstumspotenzial und insgesamt weniger Risiken als die Volksrepublik China.

Hermann-Josef Knipper
Hermann-Josef Knipper
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