World Wide Web wird Datenautobahn
Internet: Multimedia für alle

Das World Wide Web wird endlich zur Datenautobahn: Immer mehr deutsche Haushalte erhalten Anschluss an das schnelle Multimedianetz.

WiWo/HANNOVER. Ein überraschender Hilferuf drang Ende Februar nach Europa: "Wir brauchen einen Marshallplan", forderte Tony Perkins energisch. Doch der Chefredakteur des renommierten US-High-Tech-Magazins "Red Herring" meinte mitnichten finanziellen oder materiellen Beistand nach den Terroranschlägen vom vergangenen Herbst oder Aufbauhilfe für das zerstörte Afghanistan. Vielmehr plädierte der Journalist in der aktuellen Ausgabe seines Blattes für einen nationalen Kraftakt in Sachen Breitbandinternet. Der Hintergrund: In den USA - lange Zeit Vorreiter bei den superschnellen Onlinezugängen - ist das Wachstum bei den Hochgeschwindigkeitsauffahrten zur Datenautobahn fast zum Erliegen gekommen. Ganz anders dagegen die neue Dynamik in Europa: Die lange Zeit bei schnellen Web-Zugängen über so genannte DSL-Anschlüsse oder das TV-Kabel weit abgeschlagene Alte Welt trat in jüngster Zeit ordentlich aufs Gas und schickt sich jetzt sogar an, den Spitzenreiter USA zu überholen. "Der europäische Breitbandmarkt steht kurz vor der Explosion", konstatiert Donald Tait, Analyst beim US-Marktforschungshaus Frost & Sullivan. Kein Wunder also, dass das Highspeed-Web auch auf der diesjährigen Cebit eine herausragende Rolle spielt: Der so genannte DSL Exchange ist einer von vier auf der Messe in Hannover eigens eingerichteten Präsentationsbereichen, die nur den Topthemen der Branche vorbehalten sind. Perkins' Aufruf für ein staatliches Engagement in Sachen Highspeed-Internet hat denn auch weniger patriotische als vielmehr knallharte ökonomische Gründe. Schließlich könnte, so wie in den Neunzigerjahren vor allem High-Tech- und IT-Ausgaben das Wachstum der US-Wirtschaft beflügelten, in diesem Jahrzehnt die Highspeed-Technik die entscheidende Schrittmacherfunktion übernehmen, hofft er. "Wirtschaftliche Erholung durch Breitband für alle", lautet daher seine simple Gleichung. Mit dieser Meinung steht Perkins nicht allein. Auch EU-Kommissar Erkki Liikanen betonte jüngst die Bedeutung neuer, schneller Internetverbindungen für die gesamte Volkswirtschaft. "Breitbandzugänge sind die Schlüsseltechnologie für den europäischen Fortschritt beim E-Commerce, ja sogar in der IT schlechthin", sagte der für Unternehmen und die Informationsgesellschaft verantwortliche Spitzenbeamte aus Brüssel. Dass Investitionen in breite Datenhighways der Wirtschaft tatsächlich einen enormen Wachstumsschub verpassen, glauben auch andere Experten. Nach Schätzung der Yankee Group aus Boston gaben die zehn größten US-Kabelnetzbetreiber von 1998 bis 2001 zusammen rund 46 Milliarden Dollar aus, um ihre Netze multimediatauglich zu machen. Überdies verbuddelten Telekommunikationsfirmen in den letzten zehn Jahren Glasfasernetze im Wert von rund 90 Milliarden Dollar im amerikanischen Kontinent. Beträchtliche Summen - die sich bald mehr als auszahlen könnten: Die Wirtschaftswissenschaftler Charles Jackson und Robert Crandrall vom Brookings Institution aus Washington berechneten in einer Studie, dass Bürger und Unternehmen durch die Nutzung des Hochgeschwindigkeitsinternets bis zu 500 Milliarden Dollar sparen könnten - pro Jahr! Denn das multimediafähige Internet bedeutet mehr als nur schnelleres Surfen im Web. Optimisten erwarten, dass die Breitbandnutzung den nächsten Zyklus technologischer Innovationen beschleunigt. Ihre Begründung: Sobald die Daten schneller ins Haus flitzen, kaufen die Menschen auch wieder neue Software. Die wiederum benötigt in der Regel leistungsfähigere Computer mit schnelleren Chips. Eine Kettenreaktion, die die gesamte, derzeit im Konjunkturloch dahindümpelnde High-Tech-Industrie zu neuem Wachstum beflügeln könnte. Vor diesem Hintergrund kann jetzt vor allem die europäische Wirtschaft auf Erholung hoffen. Fast unbemerkt vollzieht sich in der Alten Welt derzeit eine kleine Revolution. Während diesseits des Atlantiks immer mehr Nutzer auf den Schnellzug in Richtung Internet der Zukunft aufspringen, ist die Highspeed-Surfwelle in den Vereinigten Staaten binnen Jahresfrist beinahe völlig zum Erliegen gekommen. So fiel etwa jenseits des Atlantiks bei den DSL-Anschlüssen - das sind digital aufgemotzte Telefonleitungen, die Daten bis zu zwölfmal schneller übertragen können als ISDN - die Wachstumsrate von 87 Prozent im vierten Quartal 2000 auf bescheidene 13 Prozent im dritten Quartal 2001. Der Zuwachs von schnellen Surfzugängen über das Fernsehkabel sank im selben Zeitraum von 19 auf 8 Prozent. Währenddessen überschlug sich in Europa, und dort vor allem zwischen Rhein und Oder, das Interesse am Breitbandinternet regelrecht. Bis Ende 2001 verzehnfachte sich die Zahl der DSL-Abonnenten inDeutschland auf rund 2,1 Millionen. Damit hat Deutschland, bezogen auf die Einwohnerzahl, die USA bereits überflügelt und sich hinter Schweden auf den zweiten Rang weltweit katapultiert, wie der deutsche IT-Branchenverband Bitkom Anfang Februar stolz bekannt gab. Dabei sah es lange so aus, als hätte Deutschland auch auf diesem Feld den Anschluss an die Weltspitze verloren. Bis Ende 2000 gab es hier zu Lande praktisch keine schnellen Onlineanschlüsse für private Nutzer. Vor allem das Fernsehkabelnetz, das in den USA, aber auch in den Beneluxstaaten eine Vorreiterrolle bei der Verbreitung des Highspeed-Webs spielte, trat auf Grund seiner stark zersplitterten Eigentümerstruktur jahrelang auf der Stelle. Selbst für die Deutsche Telekom, mit einstmals rund 18 Millionen Anschlüssen größter TV-Netzbetreiber, war das Kabel immer ein Verlustbringer. Folglich unterblieben die notwendigen Investitionen, um die Einbahnstraße Fernsehkabel mit einem Rückkanal auszustatten und damit für die Multimediazukunft aufzurüsten. Trotz einer international vergleichsweise guten Infrastruktur - jeder zweite deutsche Haushalt hat potenziell Zugang zum Kabel - ist die Zahl der Breitband-TV-Kunden in der Bundesrepublik daher verschwindend gering: Gerade einmal 2 von 1000 Haushalten gingen im vergangenen Jahr über das Fernsehkabel ins Internet. Das dürfte sich auch in Zukunft nicht allzu schnell ändern, nachdem jüngst der Verkauf des Telekom-Kabels an John Malone und sein Kabelimperium Liberty Media am Veto des Bundeskartellamts scheiterte. Somit können bis auf weiteres nur die Bewohner in den bereits im Jahr 2000 mehrheitlich von der Telekom veräußerten Kabelregionen auf den baldigen Umbau der veralteten Netze in hochwertige Multimediaautobahnen hoffen. Dazu gehören jedoch nur die Netze in Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen mit dem Mehrheitseigner Callahan (Betreibergesellschaft ish) sowie dem auf Hessen konzentrierten Investor NTL (iesy). Als völliger Flop erwies sich bislang das so genannte Powerline-Verfahren. Bei der noch vor Jahresfrist als Hoffnungsträger gehandelten Technolgie werden Daten über herkömmliche Stromleitungen in die Haushalte übertragen. Vor allem Stromkonzerne erhofften sich ein einträgliches Zusatzgeschäft davon, Internet und Telefonie huckepack mit dem Strom zu verschicken - Kabel und Steckdosen gibt es schließlich überall. Dem ursprünglichem Hype folgten jedoch zahlreiche technische Probleme in der Praxis (WirtschaftsWoche 26/2001). So zog sich in 2001 zunächst der Siemens-Konzern aus den Entwicklungsprojekten zurück. Und kürzlich warf auch der Stromversorger E.On das Handtuch. Neben einigen regionalen Stadtwerken hat nur noch der Stromkonzern RWE über seine Tochter RWE Plus ein Powerline-Angebot im Programm. Das allerdings gilt nur in Essen und Mülheim. Nun scheint dem Versorger auch noch die Power für die Expansion auszugehen: Über weitere Ausbaupläne äußert man sich neuerdings in Essen nicht mehr und geht stattdessen lieber auf Tauchstation - auch in der Außendarstellung: Während RWE noch auf der letztjährigen Cebit mit Powerline für Furore sorgte, ist das Unternehmen dieses Mal gar nicht erst in Hannover vertreten. So wundert es nicht, dass die Regulierungsbehörde für Telekommunikation und Post im vergangenen Jahr bundesweit gerade einmal 2000 Powerline-Anschlüsse zählte. Ganz anders dagegen die Nachfrage nach den aufgepeppten Telefonanschlüssen mit dem DSL-Nachbrenner. Während die Kabelbetreiber nur mühsam mit der Netzumrüstung vorankommen und die Stromkonzerne immer wieder technische Unwägbarkeiten bei Powerline bewältigen müssen, gehen die schnellen DSL-Anschlüsse inzwischen weg wie warme Semmeln. "Das Kabel ist zwar der Vorreiter für Breitbandinternet gewesen, die Zukunft gehört jedoch der DSL-Technologie", glaubt auch Analyst Lars Godell vom Marktforschungsunternehmen Forrester Research. Von dem anhaltenden Boom profitiert vor allem die Deutsche Telekom: Derzeit bringt der Bonner Exmonopolist gestützt auf eine millionenschwere, omnipräsente Werbekampagne an Spitzentagen zwischen 10000 und 20000 schnelle Leitungen unters Volk und konnte kürzlich stolz 2,3 Millionen Kunden vermelden. Deutschland, einig Breitbandland. Die bundesweit mehr als 40 alternativen DSL-Carrier kommen dagegen zusammen gerade einmal auf 70000 Anschlüsse. Der rasante Marktausbau der Telekom bringt die Regulierungsbehörde in eine schwierige Zwickmühle: Denn einerseits profitieren die Verbraucher vom massiven Engagement der Telekom in Sachen DSL. Allein im vergangenen Jahr hat Pink-T nach eigenem Bekunden eine Milliarde Euro in den Breitbandausbau seiner Telefonnetze investiert. Dadurch ist das schnelle Internet mittlerweile beinahe bundesweit verfügbar. Und auch das Preisniveau ist laut Bitkom-Studie das niedrigste in Europa. Genau das aber monieren auf der anderen Seite die Wettbewerber. In ihren Augen nämlich nutzt der Bonner Konzern seine marktbeherrschende Position bei den Ortsnetzanschlüssen, um mit Dumpingpreisen auch bei der Zukunftstechnologie DSL ein Monopol zu errichten. "Derzeit hat die Telekom nahezu keinen Wettbewerb", klagt Bernd Schlobohm. Der Chef des Kölner DSL-Spezialisten QSC konnte bis Ende 2001 gerade einmal rund 33000 Leitungen verkaufen. Auf Drängen der Regulierungsbehörde muss die Telekom daher ihre DSL-Preise ab Mai erhöhen. Der Haken: Dadurch könnte die Euphorie über das Highspeed-Internet merklich abkühlen - und der volkswirtschaftliche Schaden wäre möglicherweise gar größer als der Nutzen für den Wettbewerb. Überdies steht jetzt auch das Highspeed-Internet - wie so viele neue Technologien zuvor - vor dem berühmt-berüchtigten Henne-Ei-Problem: Um mehr als nur technologieaffine, computerversierte Youngster anzusprechen, brauchen die Anbieter schleunigst neue intelligente Dienste, die die Vorteile der schnellen Leitungen auch erfahrbar machen. "Nur mit Inhalten wie etwa interaktiven Musik-, Video- und Fernsehübertragungen wird man die breite Masse der Bevölkerung dazu bewegen können, sich eine Hochgeschwindigkeitsauffahrt für Daten ins Haus zu legen", sagt Frost & Sullivan-Analyst Donald Tait. Umgekehrt brauchen aber gerade Multimediaanwendungen wie etwa die jüngst gestarteten Abo-Dienste der Musikindustrie dringend eine kritische Masse an Breitbandzugängen in der Bevölkerung, damit das Geschäft in Gang kommt. Solange die nicht existiert, werden nur wenige Unternehmen weitere neue Angebote an den Start bringen. Immerhin ist Hoffnung in Sicht: "In zwei bis drei Jahren ist das schnelle Web in Europa Mainstream", glaubt Forrester-Analyst Paul Jackson. Bis 2006 sollen dann sogar 38 Millionen Haushalte mit Datenturbo ins Netz gehen - das wäre immerhin jedes vierte Heim zwischen Nordkap und Sizilien. Von solchen Zahlen kann das mobile Internet einstweilen nur träumen. Zwar wird die Mobilfunkbranche nicht müde, die Verheißungen der schönen mobilen Welt von morgen herunterzubeten, in der die Breitbandanwendungen dank UMTS auch drahtlos nutzbar werden. Doch bislang ist der mobile Multimediatraum nicht mehr als ein ein milliardenschweres Luftschloss (siehe WirtschaftsWoche 11/2002). "Weihnachten 2002 können Sie ein Handy mit eingebauter Kamera verschenken, das zwar noch keine Videos, aber immerhin Farbfotos verschicken kann", übt sich Vodafone-Vorstand Julian Horn-Smith dennoch in Zweckoptimismus. Einige Nutzer wollen nicht so lange warten: Die Bürgerinitiative NYC Wireless aus New York macht das Internet gerade eigenhändig mobil. Die Clubmitglieder verfügen zu Hause über schnelle Multimediazugänge zum Internet. Weil sie die aber nicht ständig selbst benutzen, haben sie ihre Computer kurzerhand mit speziellen Sendern ausgestattet, die das Internet im Umkreis von einigen hundert Metern per Funkwellen verbreiten. Jetzt können Anthony Townsend und seine Mitstreiter auch am Washington Square mit ihren Laptops drahtlos im World Wide Web surfen. Einen Trend, den auch die Cebit erkannt hat: In derselben Halle wie die Spezialausstellung über DSL befindet sich der WiFi Exchange rund um Drahtlostechnologien. Das schnelle Netz kommt, so dieBotschaft - egal, ob mit oder ohne Strippe.

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