Worldcom-Chef tritt zurück
Bernie Ebbers: Vom Milliardär zum Milchmann

Er war der Held der neuen Telefongesellschaften. Jetzt ist Ebbers als Worldcom-Chef zurückgetreten. Damit endet die Ära erfolgreicher Startups auf dem US-Telekommarkt.

An der Wall Street haben ihn die Fondsmanager und Analysten schon lange gehasst. Bernie Ebbers zeigte den geschniegelten Anzugträgern mit Gel im Haar bei seinen Auftritten gern, was er von ihnen hielt: nämlich nichts. Zu Präsentationen seines Unternehmens am Finanzplatz New York trat der 1,95 Meter große, kräftige Vollbartträger stets in Cowboystiefeln, Jeans und offenem Hemd an. Lässig warf er dann das Worldcom-Kurs-Chart an die Wand: eine Kurve, die steil nach oben zeigte. "Noch Fragen?" knurrte er, die Füße auf dem Tisch, in die Runde.

Bis Mitte 2000 ging das gut. Dann wechselte die Kurve des Aktienkurses die Richtung, und mit ihrem Absturz begann auch der Abstieg des Selfmade-Milliardärs Ebbers - bis zum erzwungenen Rücktritt am Dienstag. Eine der spektakulären amerikanischen Unternehmer-Karrieren endet damit fast wieder dort, wo sie in den 70er-Jahren begonnen hatte: als Milchmann auf dem Lande. Denn mit dem Worldcom-Kurs schrumpfte das Privatvermögen von Ebbers. Der steht heute bei seiner Firma mit 366 Millionen Dollar privat in der Kreide, und etliche Leute im Konzern erwarten, dass er nach seiner Segelyacht "Aquasition" auch die geliebte Ranch in Kanada mitsamt den 20 000 Rindviechern wird verkaufen müssen.

Für die Worldcom-Mitarbeiter war ihr verschuldeter Chef, der interne Kritiker als "Idioten" schmähte, in den letzten Monaten eine Belastung. Erleichtert reagieren sie nun darauf, dass künftig Bernies langjähriger Widersacher, der 51-jährige John Sidgmore, das Unternehmen führen wird. Sidgmore - freundlich-kommunikativer Anzugträger aus Washington D.C. ohne Cowboy-Attitüden und Südstaaten-Kumpelei - verkörpert das genaue Gegenteil von Ebbers. Allein das genügte am Tag seiner Ernennung an der Wall Street, den Kurs um zehn Prozent nach oben zu treiben.

Unkonventioneller Quereinsteiger

Mit Ebbers? Abgang endet eine Ära. Als 1984 das Telefonmonopol in den USA fiel, waren es unkonventionelle Quereinsteiger wie er, die ihre Chance sahen. "Ich hatte keine Lust mehr, bei minus 30 Grad Milch zu verkaufen", antwortete er stets auf die Frage, wieso ausgerechnet er sich für diese Branche entschieden hatte. Zuvor hatte er sich als Milchhändler, Basketball-Trainer an einer Highschool und Motelketten-Betreiber versucht. Auf die Idee, vom Ex-Monopolisten AT&T Telefonleitungen zu mieten und Ferngespräche günstig zu vermarkten, kamen er und ein paar Freunde eines Abends in einem Restaurant. Dieser Diner im Niemandsland von Mississippi spielt in der Worldcom-Firmenlegende seither die Rolle, die beim Drucker- und Computerhersteller Hewlett-Packard der Garage zukommt.

Ebbers allerdings war nie ein Tüftler und Technikfreak - er hasste Handys und weigerte sich, E-Mail zu nutzen. Zur Meisterschaft brachte er es beim Kaufen von Konkurrenten. Nach mehr als 70 Akquisitionen wurde aus der Klitsche LDDS bis 2001 der Konzern Worldcom mit 35 Mrd. $ Jahresumsatz und einem Nettogewinn von 2,1 Mrd. $. Früh setzte er auf Datenverkehr und Internet. 1996 kaufte er UU-Net und MFS; 1999 schluckte Worldcom den größeren Konkurrenten MCI - spätestens danach galt Ebbers als unbesiegbar. Wenn die europäischen Telekomkonzerne nicht in Staatsbesitz wären, so tönte er damals, wären sie schon längst von US-Unternehmern aufgekauft.

Die Finanzmarkt-Jungs der Wall Street mochten Ebbers immer noch nicht, verdienten jedoch prächtig an den Deals mit immer steigenden Kursen. Sie waren auch gern dabei, als Worldcom 2000 den Konkurrenten Sprint in der größten Fusion der Branche schlucken wollte. Doch die Kartellbehörden untersagten das Geschäft - für Ebbers markierte die Absage zu Beginn der Börsenflaute den Anfang vom Ende seiner Karriere.

Nach 17 fetten Jahren fiel es dem bibelfesten Baptisten jedoch schwer umzusteuern. Wie eh und je lästerte er über Konkurrenten, auch wenn sie als Käufer für sein Unternehmen genannt wurden - etwa über den einen Kopf kleineren Verizon-Chef Ivan Seidenberg. Der musste sich anhören: "Was will der kleine Mann?" Den Crash hielt Ebbers für vorübergehend. Sorglos gab er als Sicherheiten für private Kredite sein Worldcom-Aktienpaket an, dessen Wert täglich fiel. Schließlich stand Worldcom für die Kredite ein, damit der Chef sein Aktienpaket nicht auf den Markt werfen musste: Das hätte den kriselnden Kurs zusätzlich geschwächt.

Vielleicht wird Ebbers deshalb bald wieder als Held dastehen: als einer der wenigen Konzernchefs, die sich nicht kurz vor dem Crash schnell noch durch Aktienverkäufe bereicherten.

Vita

Bernard J. Ebbers ist 60 Jahre alt. Geboren in Kanada, hat es ihn nach der Highschool nach Jackson im US-Südstaat Mississippi verschlagen. Er arbeitet als Milchmann und Basketball-Trainer einer Highschool, bevor er sich 1974 mit einer Motel-Kette selbstständig macht. 1983 gründet er die Telefongesellschaft LDDS, die er nach zahlreichen Zukäufen zehn Jahre später in Worldcom umbenennt.

Donata Riedel ist Handelsblatt-Korrespondentin in Berlin.
Donata Riedel
Handelsblatt / Korrespondentin
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%