Worldcom-Desaster
Reaktionen: "Schlimmer für die Märkte als der 11. September"

Nachdem erneut eine milliardenschwere Fehlbuchung durch ein führendes US-Unternehmen das Vertrauen der Finanzmärkte in die Bilanzierung börsennotierter Unternehmen erschüttert und weltweit zu Kurseinbrüchen geführt hat, empfehlen Experten für Deutschland eine neutrale Kontrollinstanz und schärfere Sanktionen.

Reuters FRANKFURT. "Ich fordere eine neutrale, nicht berufsständige Kontrollinstanz für Wirtschaftsprüfer und Unternehmen, der scharfe Sanktionen bis hin zum Berufsverbot für Prüfer und die Aufhebung der Börsennotiz für die Firmen zur Verfügung stehen", sagte Karlheinz Küting, Professor am Saarbrücker Institut für Wirtschaftsprüfung, am Mittwoch der Nachrichtenagentur Reuters.

Bislang gibt es in Deutschland nach Ansicht von Küting keine ausreichende Prüfung der Prüfer. "Eine solche Instanz sollte mit Leuten aus der Wirtschaft und der Wissenschaft besetzt sein und frei von berufsständischen Einflüssen", sagte Küting. Bislang gibt es lediglich das System eines "Peer Reviews", also die Prüfung der Arbeit der Auditoren durch einen Konkurrenten. Küting zeigte sich optimistisch, dass seine Forderung angesichts der Skandale der letzten Zeit ein Chance auf Umsetzung hat. Die Industrie stehe nun hinter ihm, sagte er. Vor einem oder zwei Jahren sei dies noch unvorstellbar gewesen.

"Der Verlust des Vertrauens in die Bilanzierung der Top-Unternehmen ist für die Aktienmärkte schlimmer als der 11. September", sagte ein Händler mit Blick auf die Folgen der Anschläge in den USA, die weltweit den Abschwung verstärkt hatten.

Ein Fall der Dimension Worldcom ist nach Einschätzung Kütings in Deutschland zwar nicht auszuschließen, aber schwer vorstellbar: "Die Qualität der Wirtschaftsprüfer ist bei uns immer noch besser." Eine Analyse der Investmentbank UBS Warburg vom März 2002 bestätigt diese Einschätzung für die Unternehmen des Dax. "Wir haben keine nennenswerten, unveröffentlichten Risiken in diesen Unternehmen gefunden", schreiben die Analysten.

Auch eine Analyse des Saarbrücker Instituts für das Anlegermagazin "Focus Money" ergab, dass sich die Informationsqualität der Bilanzen in Deutschland in den vergangen Jahres verbessert habe. Vor allem am Neuen Markt und im Kleinwertesegment Smax gibt es der Erhebung zufolge aber noch erhebliche Defizite.

Abkehr von HBB-Bilanzierung "nicht sachgerecht"

Im Gegensatz zum deutschen Bilanzrecht nach dem Handelsbesetzbuch (HGB) fehlen nach Einschätzung Kütings in den USA dringend notwendige Berichtspflichten. "Auch das HGB kennt Wahlrechte und Ermessensspielräume für den Ansatz von Positionen, aber die müssen dokumentiert werden, so dass ein geübter Bilanzleser die Situation eines Unternehmens erkennen kann", sagte er.

Bei den international geforderten Standards aus Europa (IAS) und den USA (US-GAAP) müssten solche Gestaltungsentscheidungen nicht erläutert werden. Dies müsse dringend geändert werden, sagte Küting mit Blick auf die Einführung von IAS als Bilanzregel für alle europäischen börsennotierten Konzerne ab 2005.

Aus Sicht der Bundesbank ist vor diesem Hintergrund ein Abschied vom Einzelabschluss nach HBG, der neben dem Konzernabschluss in IAS oder US-GAAP weiter nötig ist, nicht angebracht. Eine schnelle Aufgabe dieses Einzelabschlusses erscheine gegenwärtig nicht sachgerecht, heißt es in jüngsten Monatsbericht der deutschen Zentralbank.

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