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Wovon die Mobilfunkbranche träumt...

... ist nicht unbedingt das, was der Nutzer will. Bunte Bildchen und News via Handy garantieren noch lange keinen Erfolg für UMTS. Sondertarife und niedrigere Preise für die Datenübertragung sind schon eher ein Schritt in die richtige Richtung.

Im Juni 1992 brachte Mannesmann die mobile Revolution ans Laufen: In der letzten Juniwoche startete das "Global System for Mobile Communication" (GSM). Die Telekom zog ein paar Tage später mit dem Start des D1-Netzes nach. Seit dem hat sich viel getan: Trugen die ersten, unhandlichen, werkzeugkasten-großen mobilen Telefone eher zur Belustigung bei als zum Abverkauf, telefonieren heutzutage rund 70 Prozent der deutschen Bevölkerung mit dem zigarettenschachtel-kleinen mobilen Handy.

Apropos Zigarettenschachtel: So soll das Handy dem bei Jugendlichen populären Coolness-Faktor "Lulle" allmählich den Rang ablaufen, was zumindest der Gesundheit zuträglich wäre. Früher wiesen Experten auf die Folgen exzessiven Rauchens hin. Jetzt warnen Schuldenberater zunehmend vor den großen Löchern in den noch relativ schmalen Budgets der jungen Vieltelefonierer: Im Schnitt sollen schon die 13- bis 15-Jährigen über 25 Euro pro Monat auf der Handy-Rechnung haben - Tendenz weiter steigend. Nicht selten drehten genervte Mobilfunkfirmen den handy-süchtigen Teenagern den mobilen Hahn ab, weil die - unbeglichene Rechnung - zuweilen vierstellige Eurobeträge überschritten hatte. Sehr zum Verdruss der Eltern, die für ihre quatschenden Sprösslinge finanziell in die Bresche springen mussten.

Die Mobilfunkbranche frohlockt indes: Das belege doch geradezu das Interesse an der mobilen Kommunikation und lässt das immense finanzielle Potenzial bei den Nutzern ahnen! Denn die Teenies werden schließlich irgendwann erwachsen und somit zur solventen Klientel, die es schon richten, sprich: UMTS allen Unkenrufen zum Trotz zum Renner machen wird. Und laufen muss es, komme was will: Schließlich haben die Mobilfunkunternehmen in einem aberwitzigen Bieterwettbewerb über 50 MILLIARDEN Euro für den mobilen Datenhighway UMTS hingelegt.

Farbige Displays, Multimedia und ein bislang noch eher maues Content-Angebot sollen Nutzer nun für die mobile Welt begeistern und - besser - ihnen das Geld aus dem prallen Portemonnaies ziehen. Doch das kann ganz schnell nach hinten losgehen: Nicht jeder Nutzer wird die Notwendigkeit bunter Bildchen und rudimentärer Informationsangebote auf kleinen, friemeligen Displays sehen und dafür tief in die Tasche greifen. Und das muss er: Studien haben ergeben, dass die Mobilfunktunternehmen nur dann wieder lachen können (sprich aus den roten Tiefen in die Gewinnzone zurückkehren), wenn jeder (!) der rund 80 Millionen Bundesbürger (inklusive Babys, Kinder und Desinteressierte) demnächst rund 60 Euro im Monat für die mobile Kommunikation ausgibt. Ein fetter Brocken, den nicht alle schlucken werden!

Und nicht zu vergessen: Das Internet hat das Informationsverhalten der zahlreichen Nutzer deshalb revolutioniert, weil die Gebühren dafür mittlerweile marginal und die Inhalte weiterhin nahezu gratis sind! Sehr zum Verdruss der gebeutelten Verlags- und Medienbranche inklusive ihrer sich wegen des allgemeinen Einbruchs des Werbemarktes dezimierenden Mitarbeiter.

Der Massenstart von UMTS - so eine veritable Masse überhaupt startet - wird sich wohl um einige Zeit verschieben. Die Anbieter bauen dennoch auf die dritte Mobilfunkgeneration - frei nach dem Prinzip Hoffnung. Aber diese darf einem ja schließlich niemand nehmen... Auch wenn über vier Millionen Arbeitslose irgendwie den leisen Verdacht aufkommen lassen, dass das Thema mobile Kommunikation, GPRS, UMTS und die Sorge um den Return of Investment der Branche etcetera etcetera irgendwie nicht so ganz auf Prio 1 der Menschen hierzulande stehen. Zumal in heutigen Zeiten nicht gerade ein Defizit an Informationen oder ein Mangel an Optionen für deren Beschaffung bestehen... Aber das nur am Rande.

Fakt ist, bunte Bildchen und ein paar Infos alleine werden die Nutzer mitnichten davon überzeugen, UMTS und das entsprechende Hightech-Handy unbedingt haben zu müssen. Der Lifestyle-Faktor allein kann es kaum sein. Bis auf wenige Ausnahmen wird sich der Verbraucher weiterhin nicht nehmen lassen, Kosten und Nutzen ganz genau abzuwägen. Und was dabei herauskommt, wird der Mobilfunkbranche nicht schmecken: Um preiswertere Endgeräte und insbesondere wesentlich niedrigere Tarife werden die Anbieter kaum herumkommen. "Die Preise müssen auf dem Teppich bleiben, sonst erleben wir Flops wie bei WAP und keiner wechselt zu UMTS", mahnte Manfred Herresthal, Chef des Deutschen Verbandes für Post und Telekommunikation, kürzlich in weiser Voraussicht. Eben!

Schreiben Sie der Autorin: u.latzke@vhb.de

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