WTO bietet die Chance einer gerechten Globalisierung
Die Kluft zwischen Arm und Reich wächst

Es gibt ein einfaches Rezept, eine Sache gerecht unter zwei Menschen aufzuteilen: Einer von beiden bestimmt die Portionen. Der andere hat die Wahl. Gustav Stresemann begrenzte seinen Aphorismus wohl bewusst auf zwei Menschen, denn schon bei drei Menschen wird es schwierig.

HB GENF. Wie sollen dann aber knappe Güter unter Millionen, unter Milliarden Menschen gerecht verteilt werden? Über Gerechtigkeit zu streiten, ist müßig, fast sinnlos. Dennoch wird der Beginn des 21. Jahrhunderts von einer globalen Debatte über Gerechtigkeit geprägt.

Der Anstoß: Die Kluft zwischen Arm und Reich wird immer schneller immer größer. Das obere Fünftel der Menschheit kontrolliert fast 90 Prozent der Reichtümer, das untere Fünftel hat gerade mal 1 Prozent. Heute vegetieren rund drei Milliarden Menschen, fast jeder zweite Bewohner der Erde, mit weniger als zwei Euro am Tag vor sich hin. Dieses Heer der Habenichtse wird nach Uno-Prognosen anschwellen. Und schon jetzt pochen immer mehr der Elenden an die Pforten des Wohlstandes im Norden.

Die Bevölkerungsexplosion fällt in das Zeitalter der Globalisierung. In jene Ära also, die durch die Expansion der kapitalistischen Wirtschaftsweise bis an den Rand der Welt dominiert ist. Immer mehr Menschen, ja ganze Staaten, bleiben dabei auf der Strecke. Das Tempo der marktwirtschaftlichen Umwälzungen, so scheint es, überfordert zu viele.

Wohlstand für alle?

Wird es jemals eine Globalisierung mit Wohlstand für alle geben? Wohl kaum. Was kann, was muss getan werden, um dennoch möglichst viele Bewohner der Erde zu Nutznießern der Globalisierung zu machen?

Sicherlich sollte sich die Menschheit in Zukunft peinliche Gipfel wie in Johannesburg ersparen. Alles wird dort jedem versprochen, kaum etwas wird eingelöst, weil letztlich niemand Verantwortung für die Realisierung der Hochglanzziele übernehmen will.

Die Chance jedoch bietet eine vielgescholtene Institution, die seit der Randale von Seattle in einem Atemzug mit Globalisierung genannt wird: die Welthandelsorganisation (WTO). "Meiner Ansicht nach hat die Globalisierung viele Menschen und ganze Länder zutiefst verunsichert", sagt WTO-Generaldirektor Supachai Panitchpakdi. "Wir versuchen deshalb, diesen Prozess berechenbarer und sicherer zu machen."Auch nur schöne Worte?

Zum ersten Mal immerhin hat die Agentur der Globalisierung einen ganzen Verhandlungszyklus einem speziellen Ziel gewidmet. Die "Doha-Entwicklungsrunde" soll den ökonomischen Aufbau fördern und Armut lindern. Weltweit. Das Mittel ist der freie Handel. Die Botschaft ging an alle 145 Mitglieder.

Zwei Drittel davon sind Entwicklungsländer. Gerade über den Export landwirtschaftlicher Produkte könnten die ärmeren Staaten als respektierte Partner in die Globalisierung eingebunden werden. Denn auf diesem Feld haben sie das nötige Know-How. Doch seit dem Start der Verhandlungen vor einem Jahr ist fast nichts geschehen. Schlimmer noch. Trotz der wohlfeilen Freihandels-Rhetorik hat sich der Protektionismus im Westen verfestigt. Die Bush-Administration operiert mit Strafzöllen und schnürt ein fast unverschämt fettes Geschenkpaket für ihre Farmer, während die EU ihre gehätschelten Bauern ungeschoren lässt. Ebenso verwöhnt Japans Politikerkaste weiter ihre Klientel.

Halbherzige Vorschläge

Abgerundet wird das Bild von halbherzigen Vorschlägen der Amerikaner und Europäer, mit denen der Durchbruch bei den Agrarverhandlungen in der WTO aber auf die lange Bank geschoben wird. Die Herren aus Washington, Brüssel und Tokio geben gegenüber den Entwicklungsländern die gleiche Parole aus: Wir subventionieren und ihr liberalisiert.

Berechnungen der Weltbank belegen, dass die Bauern der 29 reichen OECD-Staaten, darunter Deutschland, von ihren Regierungen 350 Mrd. Dollar einstreichen - jährlich. Eine Summe, die der Wirtschaftsleistung aller afrikanischen Staaten südlich der Sahara entspricht. Wie sollen da die Anbieter aus dem Süden mithalten?

Mit ihrem kalten Protektionismus, der vor allem die Landwirtschaft zur Festung erklärt, leisten Europäer, Amerikaner und Japaner der Idee des Freihandels einen Bärendienst. Das Konzept, dessen Überlegenheit gegenüber abgeschotteten Märkten nicht mehr ernsthaft angezweifelt wird, kann sich in den WTO-Verhandlungen nicht auf breiter Front durchsetzen. Denn die Landwirtschaft ist der Schlüsselsektor. Wer kann es den ärmeren Staaten verübeln, wenn sie nun ihrerseits in Bereichen wie etwa den Dienstleistungen blockieren? Damit wird aber die gesamte Globalisierung in eine gefährliche Richtung getrieben. Die Armen werden tatsächlich immer ärmer. Die Reichen können ihren Wohlstand gerade mal halten.

Nur wenn die wirtschaftlichen Supermächte USA, EU und Japan vom Protektionismus abschwören, werden die Habenichtse dieser Welt eine Chance haben. Dann lösen sich auch Probleme wie der härter werdende Migrationsdruck vom Süden in den Norden. Weil die Früchte der Globalisierung etwas gerechter verteilt wären.

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