Würde lieber Fraktionschef bleiben
Merz vor Abschiebung aufs Nebengleis

Was Berliner Spatzen seit Wochen von den Dächern des Regierungsviertels pfeifen, werden Kanzlerkandidat Edmund Stoiber und CDU-Chefin Angela Merkel am Freitag endlich offiziell verkünden: Der Chef der Unionsfraktion im Bundestag, Friedrich Merz, wird viertes Mitglied im Kompetenzteam Stoibers, zuständig für Steuern und Finanzen. Der Sauerländer als neues Wahlkampf-Häppchen für die mittlerweile nur noch pflichtbewusst lauernden Journalisten.

BERLIN. Für den ehrgeizigen 46-Jährigen, dessen finanzpolitische Kompetenz auch vom politischen Gegner anerkannt wird, ist es jedoch alles andere als ein Karrieresprung. Zwar hatte er eine denkbare Berufung ins Team des Bayern schon Mitte Mai als ehrenvoll bezeichnet, doch viel lieber würde er Fraktionschef bleiben. Denn das ist die entscheidende Machtposition außerhalb des Kabinetts, mehr wert als jeder Ministerjob.

Nun muss sich Merz in die fachpolitische Ecke zurückziehen und die zentrale Schaltstelle an der Spitze der Fraktion wird frei für Angela Merkel. Denn es gilt als ausgemacht, dass die CDU-Chefin nach der Wahl und dem Abgang von Merz ins Kabinett Fraktionsvorsitzende wird. Auf diesem Posten könnte sie dann in aller Ruhe ihre Machtbasis ausbauen und sich für die Nachfolge eines möglichen wesentlich älteren Kanzlers Stoiber ab 2006 warm laufen.

Eigentlich hatte genau das auch Merz im Sinn: Unvergessen ist sein freimütiges Bekenntnis, es liege "in der Natur der Sache", dass der Fraktionsvorsitzende für das Amt des Kanzlerkandidaten "in Frage" käme. Aus dem Finanzministerium heraus wäre dieses Rennen für ihn jedoch nahezu aussichtslos, macht man sich in Zeiten knapper Kassen als Sparkommissar doch kaum Freunde.

Damit nicht genug: Im politischen Verschiebebahnhof könnte Merz sogar noch weiter aufs Nebengleis geraten. Denn selbst der ungeliebte Job des Finanzministers ist ihm keineswegs sicher. Das nicht nur, weil die Kompetenzler in erster Linie die zentralen Botschaften des Wahlprogramms transportieren sollen. Definitiv als Minister gesetzt ist einzig "Cleverle" Lothar Späth.

Wichtiger noch ist die Koalitionsarithmetik: dem Wunsch-Partner FDP müsse man schließlich neben dem Außenministerium ein weiteres zentrales Amt abgeben, heißt es allenthalben. Und weil das traditionell von den Liberalen besetzte Wirtschaftsressort - wegen Späth - voraussichtlich ausfällt, könnte für Merz die Scharping-Falle zuschnappen. Auch der Sozialdemokrat Rudolf Scharping musste nach dem Wahlsieg von Rot-Grün auf Druck von Parteichef Oskar Lafontaine den Fraktionsvorsitz abgeben, landete auf dem vergleichsweise unattraktiven Platz des Verteidigungsministers und dürfte wohl selbst bei einer rot-grünen Neuauflage nach dem 22. September nicht mehr zum Zug kommen.

Einstweilen bleibt Merz also nur die Hoffnung, dass die Liberalen das undankbare Amt des Kassenwarts vornehm ausschlagen. Immerhin hat der einzige auf FDP-Seite ernsthaft in Frage kommende Finanzpolitiker, Hermann-Otto Solms, gestern verlauten lassen, die Finanzpolitik solle sinnvollerweise "immer der große Koalitionspartner haben".

Doch weil auch dies schlichte Wahlkampfrhetorik sein kann, bleibt die Lage für Merz bis auf weiteres ungemütlich. Wenn Stoiber und Merkel ihn heute im Konrad-Adenauer-Haus präsentieren, dürfte es ihm daher schwer fallen, ehrliche Begeisterung zu zeigen - im Gegensatz zu seiner Parteichefin.

Barbara Gillmann ist Korrespondentin in Berlin.
Barbara Gillmann
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