Wütende Fans
Leverkusen steckt mitten im Abstiegskampf

Bislang gab es im Rheinland nur einen Verein, in dem sich die Fans über ihre Mannschaft aufregten: den 1. FC Köln. Doch nach der Niederlage gegen den HSV verlieren auch Leverkusens Anhänger die Geduld mit ihrem Team.

LEVERKUSEN. Die eigentliche Höchststrafe gab es für die Bayer-Profis erst nach dem Spiel. "Ihr seid Scheiße wie der FCK", schrien rund 50 aufgebrachte Anhänger, als ihre Idole der vergangenen Saison eine halbe Stunde nach dem Match zu ihren Autos schlichen. "FCK", das steht im rechtsrheinischen Leverkusen für den liebsten aller Erzrivalen, den 1. FC Köln mit Hauptsitz links vom Rhein.

Wütende Fans, Beschimpfungen und Polizeiaufsicht kannte man im beschaulichen Leverkusen bislang nur aus dem Fernsehen oder von Auswärtsspielen. Doch spätestens nach der 2:3-Niederlage gegen den Hamburger SV hat sich die Fußballvolk-Meinung gedreht. "Außer Kirsten könnt ihr alle gehen", schallte es auf dem Parkplatz. Kein Wunder, denn "wir stehen jetzt mitten drin im Abstiegskampf", meinte Trainer Klaus Toppmöller. Eine Situation, die es in Leverkusen schon lange nicht mehr gab, und an die sich Verein und Fans nur schwer gewöhnen können. "Die Lage ist dramatisch, aber nicht so dramatisch, dass wir in Panik verfallen", meinte Manager Reiner Calmund nach der Partie.

In der hatte sich gezeigt, dass ein Fußballspiel nicht 90 Minuten, sondern zwei Mal 45 Minuten dauert. Zuschauer und Trainer sahen zwei völlig unterschiedliche Partien. In der ersten Halbzeit spielte der HSV unterirdisch schlecht, Bayer dafür überzeugend. 11:0-Ecken für Leverkusen gaben den Spielverlauf ausreichend wieder. Jungstar Hanno Balitsch meinte: "Führen wir zur Halbzeit 4:1, dann interessiert es keine Sau mehr, wie wir in der zweiten Halbzeit spielen." Doch da es nur 2:1 stand, interessierte es eben doch: Bayer hatte nun maximal Zweitliga-Niveau, der HSV ließ zwar reihenweise erstklassige Konterchancen aus, traf aber noch zweimal durch Romeo kurz nach der Pause und Barbarez eine Viertelstunde vor Schluss. "Wenn man den Sack nicht zumacht, darf man sich nicht beschweren", bilanzierte Balitsch.

Der Hauptgrund für den Bruch im Leverkusener Spiel: Verteidiger Lucio blieb nach der Pause in der Kabine. Der Weltmeister spielte schon seit Wochen meist unter starken Schmerzen. Sein eigener Torwart hatte ihm diesmal den Rest gegeben. Hans-Jörg Butt fühlte sich in der Partie seinem Ex-Klub eng verbunden - die Hamburger sollten überlegen, ob sie nicht auch ihm die Siegprämie überweisen sollten. Nach gespielten 2:45 Minuten rannte er aus seinem Kasten raus und wollte den Ball wegschlagen. Stattdessen rannte er Lucio über den Haufen, HSV-Stürmer Romeo, eigentlich umringt von vier Gegnern, fiel der Ball vor die Füße, er schob unbedrängt zum 0:1 ein. "Das ist ja das Schlimme, dass jedesmal ein anderer den Fehler macht", echauffierte sich Toppmöller. Genau den gleichen Satz hatte er auch am Mittwoch nach der Niederlage gegen Barcelona gebraucht - nur in Richtung Placente. Fußballgeschichte wiederholt sich eben. Lucio fällt bis zur Weihnachtspause aus. "Wir haben momentan ein bisschen die Seuche", klagte Toppmöller. Und das meinte er in diesem Fall weniger zur gewohnt schlechten Stürmerleistung - die Tore schossen Balitsch und Bastürk - sondern zu den vielen Ausfällen in der Abwehr. Nowotny, Juan, Placente, Vranjes, Ojigwe waren verletzt oder gesperrt. So verteidigten schließlich mit Kleine und Dzaka zwei Vertragsamateure.

Auf die Leverkusener Misere angesprochen, meinte HSV-Trainer Kurt Jara: "Man kann die Mannschaft nicht mit der vom vergangenen Jahr vergleichen". Leute wie Michael Ballack, Ze Roberto und Ulf Kirsten seien nicht ersetzbar. Und dann hatte er noch ein besonderes Bonmot parat: "Wenn man gewinnt, macht man einen Schritt nach vorne, wenn man verliert, zwei Schritte zurück."

Einen Schritt zu auf die Fans machte als einziger Leverkusener nach dem Spiel Bernd Schneider. Doch vor laufenden Kameras und umringt von Journalisten wollte er sich dann doch nicht am Zaun auf eine Diskussion einlassen. Stattdessen flüchtete er sich danach im Gespräch mit den Reportern in Ironie: "Das Positivste ist noch, dass wir nicht auf einem Abstiegsplatz stehen." Aus dem Hintergrund rief ein Fan: "Laber? nicht, Trainier." Schneider blieb ruhig, zeigte Verständnis für die Stimmung. "Es ist ja ganz normal: Die Zuschauer bezahlen viel Geld und wollen ein gutes Spiel sehen."

Und nicht ein Team, das von acht Heimspielen in dieser Saison nur zwei gewonnen hat. Das auswärts mehr Punkte geholt hat als in der Heimat. Wenn die Leverkusener so weitermachen, können ihre Fans nächste Saison über den Rhein fahren, um Bundesliga-Fußball zu sehen.

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