Wunder gibt es immer wieder
Ein Außenseiter fährt den Ausreißern davon

Giancarlo Ferretti war nicht sonderlich gut gelaunt in den vergangenen Tagen. Der Superstar seiner Mannschaft Fassa Bortolo, der fünffache Etappensieger des vergangenen Jahres, Alessandro Petacchi, war nach der ersten Woche der Tour de France sang- und klanglos abgereist. Der Mann, den Fassa-Direktor Ferretti im vergangenen Jahr hatte ziehen lassen, um sich Petacchi leisten zu können, sorgte hingegen für Furore: Ivan Basso, der jetzt für Bjarne Riis? Mannschaft CSC fährt, profilierte sich in den Pyrenäen als der einzige Mann, der in diesem Jahr Lance Armstrong fordern kann. Das gefiel dem alten Mann des italienischen Radsports nicht, und so schritt Ferretti zur Tat: Fassa Bortolo bestimmte die Sonntagsetappe von Carcassone nach Nimes. Der Sieger der Spanien-Rundfahrt von 2002, Fassa-Mann Aitor Gonzalez, entkam gestern am Ende der 14. Etappe leicht einer zehnköpfigen Fluchtgruppe und tröstete Ferretti mit dem dritten Tageserfolg des italienischen Teams bei dieser Tour.
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HB NÎMES. Vor Gonzalez hatte aus Ferrettis Truppe schon der Schweizer Fabian Cancellara den Prolog gewonnen. Nach der Aufgabe von Petacchi hatte dann der junge Filipo Pozzato das Machtvakuum in der Mannschaft genutzt und den Sprint von St. Brieuc für sich entschieden. "Die Abreise von Petacchi", sagte Ferretti, "hat uns dafür frei gemacht, kämpferisch zu fahren, so wie in der guten alten Zeit." Ferretti, der seit 1975 im Geschäft ist, gilt als einer der Vertreter der alten Schule des Radsports - er ist ein Feind moderner Technik und hat in seiner Laufbahn als Mannschaftsleiter 750 Siege errungen. Nur einer fehlt ihm, und das ist der Tour Sieg. Deshalb schmerzt es Ferretti besonders, dass er Basso im vergangenen Jahr so leichtfertig ziehen ließ. "Ich tröste mich damit, dass ich ihm in den drei Jahren, die er bei mir war, viel mitgeben konnte. Deshalb bin ich auch nicht überrascht. Er ist ein talentierter Kletterer, der diszipliniert arbeitet und der nun langsam heranreift." Die Entscheidung zwischen Petacchi und Basso ist Ferretti offenbar nicht leicht gefallen.

Dass Basso Armstrong schon in diesem Jahr wird fordern können, glaubt Ferretti allerdings nicht. Dazu sei er im Zeitfahren noch zu schwach.

An einem müden Sonntag nach zwei schweren Bergetappen hielten die Kontrahenten um den Sieg indes Waffenstillstand - Basso, Armstrong, Andreas Klöden und Jan Ullrich rollten unauffällig im Feld mit. Zu sehen war die Mobile-Teamfarbe Magenta nur an Santiago Botero, der in der zehnköpfigen Fluchtgruppe mit von der Partie war. Botero versuchte den erneut schwachen Eindruck zu korrigieren, den er bislang bei dieser Tour hinterließ, doch er hatte auch dabei kein großes Glück. Der Vierte der Tour von 2002 wurde Achter der zehn Männer vorweg. Im Sprint der Verfolger erging es Boteros Teamkollegen bei T-Mobile, Erik Zabel, nicht viel besser. Zabel wurde Fünfter und verlor weitere vier Punkte auf das Grüne Trikot des Australiers Robbie McEwen.

Für Thomas Voeckler, den Träger des Gelben Trikots, war hingegen die Fahrt durch das Languedoc ein einziger Triumphzug. Über die Pyrenäen hatte der Franzose entgegen alle Erwartungen sein Trikot gerettet und musste danach feststellen: "Es scheint so, als hätte ich meine Möglichkeiten unterschätzt."

Zehn Tage fährt der junge Elsässer jetzt in Gelb, und er hatte sich keinen davon so sauer verdient wie den Sonntag. Jetzt freut er sich über den heutigen Ruhetag in Nimes. Er dürfte nicht der Einzige im nur noch 141 Fahrer starken Feld sein.

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