Wut und Enttäuschung nach dem WM-Aus der Azzurri
Wenn die Tifosi Trauer tragen

Ganz Italien gibt den Schiedsrichtern die Schuld an der Niederlage gegen die Koreaner. Deren Torschütze Ahn wurde von seinem italienischen Arbeitgeber AC Perugia gefeuert.

ROM. Die ganze Tragödie der "Azzurri" bündelt sich in zwei Namen: Byron Moreno und Jung-Hwan Ahn. Nur unter Polizeischutz kam der Schiedsrichter aus Ecuador am Dienstag Nachmittag nach dem Sieg der Südkoreaner vom Spielfeld, und er tut gut daran, so bald nicht nach Italien zu fahren. Dort wird seine Arbeit auf dem Spielfeld nämlich einhellig als "ekelhaft" bewertet. Zum Glück bewahrten die italienischen Spieler nach dem Abpfiff Haltung und verließen das Stadion mit versteinerten Gesichtern, ohne viel zu sagen. Doch für die Umkleidekabine muss der italienische Fußballverband nun einiges bezahlen, denn ihre Wut und Enttäuschung ließen die "Azzurri" an der Einrichtung aus.

Jung-Hwan Ahn, der Star der koreanischen Elf, von den italienischen Zeitungen "Killer der Azzurri" getauft, muss sich dagegen einen neuen Job suchen. Sein Vertrag mit dem Erstligisten AC Perugia läuft am 30. Juni aus und er wird mit Sicherheit nicht verlängert. Wut, Hass und Enttäuschung kann man auf vielerlei Weise äußern. Etwa wie Perugia-Präsident Serse Cosmi: "Wir schicken ihn nach Hause zurück, es ist besser, wenn er in Korea bleibt, um diesen Fußball zu spielen, der uns nicht interessiert. Bei uns würde er sowieso nur auf der Reservebank sitzen." Das Golden Goal des 26-jährigen gegen Italien war für Cosmi nur ein Glückstreffer: "Bei uns hat er in zwei Jahren nur fünf Tore geschossen."

Die Wunden werden nicht so schnell verheilen

Italien leckt seine Wunden nach dem Rausschmiss im Achtelfinale, und das wird noch eine Weile dauern. Noch immer hängen die grün-weiß-roten Fahnen von den Balkons und noch immer laufen die Kids mit Trikots von Starstürmer Francesco Totti herum. So laut und mitreißend Italiener feiern können, so versteinert und stumm sind sie bei Niederlagen. Genau wie ihre Nationalspieler: Statt zu lamentieren, zu weinen und die Niederlage kollektiv zu bewältigen, haben sich die Tifosi von Plätzen und Straße zurückgezogen, lassen ihre Wut höchstens im Straßenverkehr aus und brüten daheim Verschwörungstheorien aus. Von Schiedsrichter Moreno über Linienrichter Larsen, der beim Spiel gegen Kroatien zwei Tore nicht anerkannte, bis zu den Fifa-Größen, die bestimmt von Korea geschmiert worden sind - alle sind Schuld. Von einem Komplott gegen Italien ist die Rede. Totti spricht für alle Fußballexperten im Lande und hält einen Tropfen Balsam bereit: "Die wussten, dass wir gewinnen können und sie haben uns verprügelt. Aber ich verstehe nicht, warum das einem Land wie dem unseren passiert, das so großen Fußball spielt." Noch deutlicher wird Alessandro Del Piero: "Die haben uns hier fertig gemacht, in den ganzen Jahren habe ich nie etwas Ähnliches erlebt."

Fußball ist in Italien auch Politik. So hat Ministerpräsident und Medienstratege Silvio Berlusconi seine Partei nach dem Schlachtruf der Tifosi "Forza Italia" genannt. Und selbst der Oppositionspolitiker Piero Fassino hat zugegeben, in der Hitze der WM-Spiele "Forza Italia" gebrüllt zu haben. Alles hat nichts genützt; entsprechend sind die Kommentare der Politiker, über alle Parteigrenzen hinweg. "Italien hätte den Sieg verdient", so Präsident Carlo Azeglio Ciampi. "Wirklich schade", erklärt Premier Berlusconi, Kammerpräsident Pierferdinando Casini ist "empört", laut Senatspräsident Marcello Pera fühlen sich die Italiener "beraubt" und Francesco Rutelli von der Opposition nutzt die Gelegenheit, Berlusconi die Schuld zu geben, und sagt: "Italien verdient es, mehr zu zählen". Fußball ist Politik: In einer Aktuellen Stunde untersuchte gestern das Abgeordnetenhaus die Gründe für das Ausscheiden der "Azzurri". Und die Ökonomen haben ausgerechnet, dass Sponsoren, TV-Sender und Werbeagenturen mit Preissenkungen von 30 Prozent kalkulieren müssen. Keinen Italiener interessieren jetzt noch die restlichen Spiele.

Auch Weihwasser hat "Trap" nicht geholfen

Und Trainer Trapattoni? Selbst das Fläschchen mit Weihwasser, das ihm seine Schwester, eine Nonne, nach Asien mitgegeben hat, hat nicht geholfen. "Wir fahren mit erhobenem Kopf nach Hause", so sein offizieller Kommentar, aber er sagt auch in seinem typischen Kauderwelsch, er habe niemals eine "so systematische, studierte Sache" gegen Italien gesehen. Die Funktionäre des italienischen Fußballverbands stehen längst auf der Abschussliste, nicht aber der "Mister", wie ihn die Nationalspieler nennen. Die Sympathie der Italiener für ihn ist geblieben, und der Trainer denkt auch nach der Niederlage nicht an Rücktritt. Aber mit ihm fühlt sich ganz Italien wie eine "Flasche leer".

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