Zahl der Fehlprognosen von Analysten ist im zurückliegenden Börsenjahr gestiegen
Finanzprofis schießen oft am Ziel vorbei

Das Vertrauen der Anleger in Analysten-Empfehlungen ist im zurückliegenden Jahr erschüttert worden. Dafür sorgten zahreiche, teilweise krasse Fehlprognosen der Finanzexperten. Aktionärsschützer raten Anlegern, sich weniger an Analysten und mehr an fundamentalen Unternehmensdaten zu orientieren.

29.12.2000 DÜSSELDORF. Mit ihren Empfehlungen können Analysten Aktienkurse nach oben treiben oder eine Talfahrt auslösen. Ihre Urteile dienen Anlegern als wichtige Orientierungshilfe. Doch sich häufende, teils krasse Irrtümer haben im zurückliegenden Börsenjahr Zweifel an den Einschätzungen der Finanzprofis aufkommen lassen. Überraschende Kursstürze am Neuen Markt und Pleiten von zuvor hochgelobten Start-Ups wie der Gigabell AG und der Teamwork Information Management AG rückten ihre Expertisen ins Zwielicht.

"Analysten liegen mit ihren Prognosen oft schlechter als die Wettervorhersage", lautet gar das vernichtende Urteil von Wolfgang Gerke vom Lehrstuhl für Bank- und Börsenwesen der Universität Nürnberg-Erlangen. Die Finanzprofis hätten 2000 "eher mehr Fehlprognosen" abgeliefert als in den Vorjahren. Einen "allgemeinen Qualitätsverlust" attestiert den Analysten auch Klaus Töpper, Fondsmanager bei der Deka, der Fondsgesellschaft der Sparkassen: Im laufenden Jahr hätten sich Investmenthäuser und deren Analysten eher dafür interessiert, Unternehmen an die Börse zu begleiten, als notierte Aktiengesellschaften und Branchen einzuschätzen. Dies sei auch wenig verwunderlich, schließlich erhalte ein Broker 1 bis 5 % des Erlöses aus einem Börsengang, bei einem einzelnen Aktienverkauf dagegen nur einen Bruchteil der Transaktion.

Analysten haften nicht für falsche Empfehlungen Privatanlegern rät Töpper, beim Aktienkauf "nicht den gesunden Menschenverstand auszuschalten". Zudem seien Anleger nur bedingt auf das Wissen von Analysten angewiesen, da fundamentale Informationen über fast alle Unternehmen heute weitgehend über die Medien und das Internet zugänglich seien. Außerdem hätten Anleger oftmals - beispielsweise berufsbedingt - ein Spezialwissen, welches sie häufiger einsetzen sollten. Der Fondsmanager ist überzeugt davon, dass "Privatanleger eine Chance haben, mit institutionellen Anlegern zu konkurrieren, wenn sie sich in ihrem Fachgebiet tummeln."

Welchen Wert sollten Privatanleger Analysten-Meinungen beimessen? Niemand sollte sich von den häufig wechselnden Einschätzungen bei einer langfristigen Anlageentscheidung wie dem Aktienkauf leiten lassen, warnt Stephan Kühnlenz von der Stiftung Warentest. "Das, was die Börse täglich bewegt, ist auf lange Sicht sowieso nicht entscheidend", sagt Kühnlenz.

Der Finanzexperte hält auch wenig davon, die Ratschläge von Analysten über kurze Zeiträume wie ein Jahr zu bewerten. Da Aktien ein langfristiges Investment seien, müsse ein "Analyst auch die Chance haben sich über mehrere Jahre zu beweisen". Letztlich habe es für Anleger ohnehin keinen Wert, Analysten zu bewerten. Schließlich haften diese nicht bei falschen Empfehlungen, begründet Kühnlenz. Bei der Lektüre von Analysteneinschätzungen sollten sich Anleger zudem immer fragen, welchen Grund ein Analyst haben könnte, einen bestimmten Wert zu empfehlen.

Dabei müsse sich jeder Anleger bewusst machen, dass Analysten auch "interessengebunden arbeiten", ergänzt Reinhild Keitel von der Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre (SdK). Analysten müssen häufig Unternehmen bewerten, mit denen andere Abteilungen des Hauses enge Kontakte pflegen. Vielleicht steht ein Börsengang, eine Umstrukturierung oder eine Fusion bevor - einträgliche Geschäfte, die sich kaum eine Bank entgehen lassen möchte.

Interessenkonflikte bei beratenden Banken Die Banken verneinen solche Interessenkonflikte bei der Bewertung von Unternehmen im eigenen Haus zwischen Analysten, die Aktien kaufen (Buy-Side-Analysten), und solchen, die Aktien verkaufen (Sell-Side-Analysten). Dafür seien zwischen Handels- und Research-Abteilungen so genannte "Chinese Walls" eingerichtet worden, heißt es in den Instituten. Doch diese seien gegen "osmotische Vorgänge nicht gefeit", sagt Aktionärsschützerin Keitel. Es sei "utopisch zu glauben", dass Vorgänge in einer Abteilung eines Hauses einer anderen verborgen bleiben.

Vorwürfe fehlender Unabhängigkeit weist die Deutsche Vereinigung für Finanzanalyse und Asset Management (DVFA) allerdings entschieden zurück. Neben den strengen Regeln bei den Banken selbst unterlägen die 1200 DVFA-Mitglieder auch Standesrichtlinien, die Interessenkonflikte ausschließen sollen, sagt Geschäftsführerin Ulrike Diehl. Im nächsten Jahr sollen die Regeln überarbeitet werden. Sinnvoll wäre eine "Black-out-period", heißt es. "Analysten deren Banken den Börsengang eines Unternehmens organisieren, sollten drei Monate vor und nach der Emission keine Studien zu der betreffenden Firma mehr veröffentlichen."

Aktionärsschützer raten Privatanlegern, sich nie auf eine einzelne Analystenmeinung zu verlassen. Jeder Anleger sollte mehrere Anlagetipps überprüfen, sagt Verbraucherexperte Kühnlenz. Doch dann könne er gleich selbst checken, ob ein Wert gute oder schlechte Aussichten habe, meint Kühnlenz. Orientieren sollten Anleger sich dabei an den Fundamentaldaten eines Unternehmens wie Gewinn und Börsenbewertung. Zudem sollte sich jeder Investor mit den spezifischen Perspektiven, der "Story", eines Unternehmens beschäftigen, sagt Kühnlenz. Ein Aktieninteressent könnte sich etwa fragen, welchen Einfluss die Rentenreform auf einen Versicherungskonzern wie die Allianz habe. Letztlich müsse sich jeder Privatanleger selbst der beste Analyst sein, sagt der Geschäftsführer der Deutschen Schutzgemeinschaft für Wertpapierbesitz (DSW), Ulrich Hocker.

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