Zahl der toten Geiseln erhöht sich auf 160
Auge um Auge – Zahn um Zahn

Russlands Präsident Putin hat tschetschenischen Terroristen nach dem blutigen Ende des Moskauer Geiseldramas massiv gedroht. Er werde auch vor dem Einsatz von Massenvernichtungswaffen nicht zurückschrecken. Derweil sorgt die steigende Zahl der toten Geiseln für heftige Schuldzuweisungen.

HB MOSKAU. Wladimir Putin will künftig Gleiches mit Gleichem vergelten und hart gegen Tschetschenien vorgehen. Bedrohungen mit Massenvernichtungswaffen werde Russland zukünftig mit dem Einsatz eben dieser Mittel beantworten, sagte der russische Präsident gestern anlässlich des von ihm offiziell ausgerufenen Staatstrauertags für die Opfer des Moskauer Geiseldramas.

Überall in Russland hingen die Fahnen auf Halbmast, Unterhaltungsprogramme im Fernsehen wurden abgesagt. Das Mitgefühl mit den Toten vermischte sich jedoch mit Nachdenklichkeit und der Suche nach Schuldigen. Der Grund: Nach Angaben von Ärzten ist die Zahl Geiseln, die nach dem Gaseinsatz in dem Moskauer Theater gestorben sind, auf 160 gestiegen. Es kursieren sogar noch höhere Zahlen. Die Internet-Zeitung "Utro.ru" etwa berichtet von 200 toten Geiseln - neben den 50 getöteten Terroristen. Einige der etwa 100 vermissten Menschen wurden inzwischen tot in Leichenschauhäusern aufgefunden. Die Behörden gaben indes keine neuen Zahlen bekannt. Offiziell war bislang von 117 getötete Geiseln die Rede.

Die jüngste Tote ist bisher eine elf Jahre alte Moskauer Gymnasiastin. Auch sie ist Opfer des mysteriösen Gases, das die Spezialeinheiten vor dem Sturm auf das Moskauer Musical-Theater am frühen Samstagmorgen in den Zuschauersaal geleitet hatten, um die Geiselnehmer zu betäuben. Dabei treten jetzt schwerere Fehler der Behörden zu Tage: So waren nach Augenzeugenberichten kaum Spritzen mit Gegenmitteln am Einsatzort. In den Krankenhäusern kam die Hilfe für viele Opfer zu spät.

In den Kliniken war der Bestand von Nolokson, das gegen schwere Vergiftungen mit Opiaten eingesetzt wird, kurz vor dem Einsatz aufgestockt worden. Dies stützt die Ansicht des Chemiewaffenexperten Lew Fjodorow, dass es sich bei dem eingesetzten Stoff um das lähmende Nervengas Inkapasistant handele. "Nur ist überdosiert worden", sagte Fjodorow. Zudem habe das Heraustragen der Opfer mit 1 Stunde und 35 Minuten zu lange gedauert.

Mitglieder der an dem Einsatz beteiligten Spezialeinheit "Alpha" machten die Retter des Katastrophenschutzministeriums für die hohe Opferzahl verantwortlich: "Sie kamen erst viel zu spät in den Saal und filmten dann erst einmal." Im übrigen seien die Spezialkräfte des Geheimdienstes "für die Opfer nach einer Operation nicht verantwortlich, sondern der Katastrophenschutz". Ärzte wiesen diese Vorwürfe zurück und gaben ihrerseits den Geheimdienstlern eine Mitschuld. Erst kurz vor dem Einsatz seien sie darüber informiert worden, dass ein Nervengas eingesetzt werde. Zudem sei immer noch nicht mitgeteilt worden, um welches Gas es sich handele.

Bisher hatten die Anti-Terror-Spezialisten bei einer Geiselbefreiung noch nie Gas verwendet. Die Zeitung "Kommersant" vermutet deshalb, dass die "getöteten Geiseln Opfer eines Tests im Kampf gegen den weltweiten Terrorismus" geworden sind.

Beteiligte des Sturms auf das Theater nannten die Operation hingegen einen "vollen Erfolg". Das sei der Fall, wenn weniger als 30 Prozent der Geiseln bei der Befreiung umkämen. Die Terroristen hätten ihre deponierten Sprengsätze nicht zünden können, "weil sie nicht scharf waren und wir diese Hunde vorher abgeknallt haben bevor sie an die Zünder heran kamen", berichtete ein "Alpha"-Offizier. Die tschetschenischen Witwen mit Sprengsätzen um den Bauch seien durch das Gas betäubt und dann durch gezielte Genickschüsse hingerichtet worden.

Quelle: Handelsblatt

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent
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