Zahl rechtsextremistischer Straftaten in München
Neonazi-Treffen in München war Verfassungsschutz bekannt

Der bayerische Verfassungsschutz hat bereits einige Stunden vor dem Skinhead-Überfall am 13. Januar in München von einem Neonazi-Treffen gewusst. Wie Behördensprecher Franz Gruber am Mittwoch erklärte, rechnete das Landesamt für Verfassungsschutz jedoch nicht mehr einer derartigen Versammlung mit rund 60 Skinheads. Der Münchener Polizeipräsident Roland Koller sagte, die Polizei sei über das Neonazi-Treffen nicht informiert gewesen. Die Weitergabe einer solchen Information liege im "Bewertungsspielraum" der Verfassungsschützer.

ap MÜNCHEN. In der Nacht zum 13. Januar hatten rund 20 Skinheads, die zusammen mit Neonazis in dem kroatischen Lokal Geburtstag gefeiert hatten, einen 31-jährigen Griechen zusammengeschlagen und mit Springerstiefeln getreten. Der Grieche erlitt dabei schwere Gesichtsverletzungen und wurde mit Nasenbeinbruch, Prellungen und Schürfwunden in eine Klinik eingeliefert. Der genaue Tathergang sei jedoch bisher unklar, sagte Koller. Es werde weiterhin gegen die Mitglieder der autonomen Kameradschaft "Freizeitverein Isar 96 e.V.", aber auch gegen den Wirt des Münchner Lokals "Burg Trausnitz" ermittelt.

Haupttäter von Skinhead-Überfall weiter flüchtig

Der mutmaßliche Haupttäter Christoph Schulte ist nach Polizeiangaben weiterhin flüchtig. Gegen den 19-Jährigen wurde Haftbefehl wegen Mordversuchs beantragt, gegen 13 andere wurde bereits Haftbefehl erlassen. Polizeipräsident Koller sagte, dass es ihn nicht überraschen werde, wenn Schulte sich bei der Polizei melden würde. "Dafür gibt es leise Anzeichen. Es sieht so aus, dass ein Rechtsanwalt Kontakt zu ihm hätte", erklärte Koller.

Nach Angaben Grubers trafen sich die 15 Mitglieder des "Freizeitvereins" bereits seit Jahren in der Münchner Gaststätte zu internen Diskussionen oder Strategietreffen. Dabei sei es jedoch nie zu Gewalttaten gekommen. Der "Freizeitverein" verehrt laut Verfassungsschutz das NSDAP-Programm als Richtschnur und unterhalte Kontakte zu Gleichgesinnten im In- und Ausland.

Trotz der jüngsten betrüblichen Vorkommnisse besteht laut Koller "kein Anlass zur Dramatisierung". Er äußerte sich jedoch besorgt über die Zunahme rechtsextremer Straftaten in München. So sei die Zahl der fremdenfeindlichen Straftaten, bei denen Menschen wegen ihrer Nationalität, Hautfarbe oder Rasse attackiert worden seien, in 2000 gegenüber dem Vorjahr um 16 auf 76 Delikte. Als Antrieb für solche Straftaten bezeichnete er als "schlichtes jugendliches Protestgehabe". Die Täter besäßen meist kein "festes, fundiertes, rechtes Weltbild".

Als größte Gruppe gewaltbereiter Rechtsextremisten zählt die Münchner Polizei Skinheads und deren Umfeld. Nach Angaben des Polizeipräsidenten gehören der Szene 400 bis 500 Personen an, entgegen früheren Schätzungen, in denen man von 300 bis 400 Skinheads, deren Sympathisanten und Mitläufern ausging. Rechtsextreme Parteien wie die NPD und DVU besitzen in München etwa 120 Mitglieder, schätzt die Polizei.



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