Zahlensalat
Armut europäisch konstruiert

Es ist leicht, mit dramatischen Aussagen über die Probleme der Menschen an die Öffentlichkeit zu gehen. Und schwer, diese Aussagen statistisch sauber zu begründen.
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Ende November hat eine Meldung des Statistischen Bundesamts die deutsche Öffentlichkeit erreicht: Im Jahr 2007 seien 15 Prozent der Bevölkerung Deutschlands von Armut betroffen gewesen, vor Berücksichtigung der staatlichen Sozialleistungen sogar jeder Vierte. Als arm gilt, wer weniger als 913 Euro netto im Monat hat.

Monatlich 913 Euro für einen Alleinstehenden ist nicht viel, denkt sich der mitfühlende Bürger. Als kritischer Zeitgenosse fragt er sich, woher das Amt weiß, dass jemand mit weniger als 913 Euro armutsgefährdet ist. In der Zeitung liest er, dass als armutsgefährdet gilt, wer mit weniger als 60 Prozent des Medianeinkommens auskommen muss. Aha!, folgert er, Armut beginnt beim 30-Prozent-Quantil der Einkommensverteilung. Dann müssten gerade 30 Prozent der Leute arm sein. Es sind aber erfreulicherweise nur 15 Prozent. Wie das?

In einem Mehrpersonen-Haushalt lebt es sich günstiger als alleine. Deshalb wird bei der Armutsmessung das Haushaltseinkommen mittels einer Äquivalenzskala auf die Haushaltsmitglieder verteilt. Der Haushaltsvorstand bekommt das Gewicht eins. Jede weitere Person erhält ein Gewicht, das den Mehrbedarf berücksichtigen soll, der durch diese Person entsteht. Weitere Erwachsene und Kinder ab 14 Jahren erhalten das Gewicht 0,5, Kinder unter 14 Jahren das Gewicht 0,3. Bei einer Familie mit zwei Kleinkindern ergibt sich das Gesamtgewicht 2,1. Das durch die Summe der Gewichte dividierte Haushaltseinkommen wird als "bedarfsgewichtetes" Äquivalenzeinkommen jeder Person im Haushalt zugeschrieben. Die Armutsschwelle ist das 30-Prozent-Quantil dieser Verteilung.

Bei dieser Methode ist nicht nur die Wahl des 30-Prozent-Quantils willkürlich. Problematischer ist, dass die Armutsschwelle von einer speziellen Äquivalenzskala abhängt, die auf alle Haushalte angewendet wird. Ein weiteres Kind verursacht aber bei einem wohlhabenden Haushalt kaum zusätzlichen Bedarf nach Wohnraum, bei einem schlechtergestellten aber sehr wohl. Inzwischen weiß man auch, dass sich Haushalte weniger an einem allgemeinen Wohlstandsdurchschnitt als am Wohlstandsdurchschnitt ihrer Gruppe orientieren.

Im Interesse europäischer Vergleichbarkeit basiert die amtliche Armutsmessung auf einer Reihe von kritischen methodischen Setzungen. Die Beziehung der amtlich diagnostizierten Armut zur "wahren" ist nebulös, sie ist ein europäisches Konstrukt.

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