Zahlensalat
"Wahre" Wahlergebnisse

Parteitage produzieren häufig traumhafte Abstimmungsergebnisse. Aber das liegt auch an der Methode, wie die berechnet werden.
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Ein Beispiel aus dem deutschen Parteienleben: Die CSU hat einen neuen Parteivorstand gewählt, Horst Seehofer erhielt 88 Prozent der Stimmen. Das war ein ziemlicher Dämpfer, den die Parteitagsdelegierten ihrem Vorsitzenden da verpassten. Der hatte zwar kein Strauß?sches Wahlergebnis, aber doch eines über 90 Prozent erwartet. Das sei ein "ehrliches Ergebnis", versuchte der frisch gekürte Ehrenvorsitzende Theo Waigel den neuen alten Vorsitzenden zu trösten. Ehrliches Ergebnis?

Schaut man genauer hin, so stellt man fest, dass dieses Ergebnis so ehrlich gar nicht ist. Den Prozentwert 88,1 erhält man genau dann, wenn man die 710 Ja-Stimmen durch die Summe der Ja- und der Nein-Stimmen (82) sowie der Enthaltungen (14), also 710 durch 806 dividiert. Gemäß Parteisatzung der CSU haben aber rund 1000 Delegierte am Parteitag teilgenommen. Wo sind die restlichen 196 geblieben? Gut, da gab es noch die ungültigen Stimmen, 29 Delegierte. Dividiert man die Ja-Stimmen durch die Summe der Ja- und der Nein-Stimmen sowie der Enthaltungen einschließlich der ungültigen Stimmen, also 710 durch 835, dann hat Seehofer nur noch eine Zustimmung von 85 Prozent erfahren.

Bleiben immer noch etwa 182 Delegierte verschwunden. Wo sind die geblieben? Das sind Parteifreunde, die ihre Wahlzettel verschwinden ließen, just zur Wahl auf die Toilette mussten oder sich aus anderen dringenden Gründen nicht an der Wahl beteiligen konnten. Sie hatten sicher nicht im Sinn, Herrn Seehofer ein besonders überwältigendes Wahlergebnis zu bescheren. Dividiert man die Ja-Stimmen durch die Gesamtzahl der Parteitagsdelegierten, also 710 durch 1000, dann machen Seehofers Unterstützer nur knapp mehr als peinliche 70 Prozent aus.

Was ist nun das "wahre" Wahlergebnis? 88, 85 oder 70 Prozent? Das ist Definitionssache, und die Definitionsmacht hat in dem Fall die CSU selbst. Aber bei Parteitagen kann die Wahlbeteiligung sehr informativ sein - man sollte sie nicht unterschlagen.

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