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Zahlt sich die Ost-Erweiterung der EU für uns aus, Herr Forsyth?

Der Ansatz zu einer Osterweiterung der Europäischen Union ist im Grundsatz gut. Allerdings müssen wir abwarten, was die Erweiterung tatsächlich bringen wird.

Man versucht, den Handelsraum der Mitgliedstaaten der Europäischen Union zu vergrößern. Man versucht auch, die bislang noch relativ isolierten osteuropäischen Staaten von Polen bis Litauen in eine stabilere politische Ordnung einzubinden.

Dennoch sollte die Europäische Union überaus vorsichtig mit ihren Erweiterungsplänen sein und sie keinesfalls überstürzt in die Wirklichkeit umsetzen. Ich halte es vor allem für zu gefährlich, einige oder gar alle zehn Beitrittskandidaten einfach in das bestehende System einzubetten. Insgesamt sehe ich Gefahren für beide Seiten, sowohl für die Kandidaten als auch für die bisherige Union.

Würden die Osteuropäer einfach als Mitglieder übernommen, müsste man ihnen große Einschränkungen zumuten, um die etablierten Mitgliedstaaten zu schützen. Vermutlich würde es nur so funktionieren, dass man die Teilhabe der Osteuropäer an den gemeinsamen Mitteln und ihre Mitwirkung in den EU-Institutionen massiv beschränkte - beispielsweise, indem der Zugang zu den europäischen Strukturfonds quotiert und für die Beitrittsstaaten etwa auf ein Viertel der Gelder begrenzt wird. Auch dürften sie dann ihre landwirtschaftlichen Erzeugnisse - die wesentlich billiger sind als in der übrigen Union - nicht ohne Beschränkung verkaufen. Die etablierten und im Verhältnis dazu teuer produzierenden Bauern in der EU würden sonst bankrott gehen - was in mehreren Staaten zu sozialen Unruhen führen könnte. Auch bei den Arbeitsgesetzen müssten gewisse Anpassungen vorgenommen werden: Wenn mehrere Millionen Osteuropäer mit relativ geringen Stundenlöhnen auf den europäischen Arbeitsmarkt drängen, dürfte es zwangsläufig zu großen Problemen in den einzelnen Mitgliedstaaten der EU kommen.

Andererseits wiederum wäre den stolzen osteuropäischen Nationen mit einer "Mitgliedschaft zweiter Klasse" nicht geholfen. Sie fühlten sich gedemütigt und würden die europäische Idee schnell wieder vergessen wollen. Gleichzeitig warten einige Länder wie Polen und die Tschechische Republik zwar schon lange auf den Beitritt zur Union. Tatsächlich aber sind ihre Volkswirtschaften noch so weit vom Leistungsniveau der heutigen EU-Staaten entfernt, dass sie Gefahr laufen, nicht über den Status einer Kolonie von Staaten wie Frankreich und Deutschland hinauszukommen.

Erst assoziieren

Deshalb müsste man anders vorgehen. Wie wäre es etwa, wenn sich die osteuropäischen Nationen erst einmal untereinander zu einer Wirtschafts- und Handelsgemeinschaft zusammenschließen würden? Erst in einem nachfolgendem Schritt sollten sie dann zur Europäischen Union stoßen - allerdings nicht sofort als vollständige Mitglieder. Eine Art "assoziierte Mitgliedschaft" wäre meines Erachtens der Schlüssel zum Erfolg der Osterweiterung der Europäischen Union. Er gäbe den Osteuropäern die Möglichkeit, sich langsam an die Europäische Union heranzutasten. In dieser Phase könnten dann die Staaten der heutigen Union - und nicht zuletzt die assoziierten Mitglieder selbst - Erfahrungen sammeln, ob und zu welchen Bedingungen für sie eine vollständige Mitgliedschaft in Frage kommt.

Im Übrigen: Für Großbritannien könnte die EU-Osterweiterung besondere Konsequenzen haben. Wenn die Briten nicht innerhalb der nächsten fünf Jahre den Euro einführen, ist es aus meiner Sicht wahrscheinlich, dass Großbritannien die Europäische Union verlassen wird. Denn in einer erweiterten EU würden sich die Briten noch fremder fühlen als in der heutigen Gemeinschaft.

Frederick Forsyth ist Bestsellerautor. Er war jüngster Jetpilot der Royal Air Force und Korrespondent in mehreren europäischen Ländern.

Aufgezeichnet von Felix Schönauer.

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