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Zahltag 2 - Stumme Zeugen des Glucks

Nun also ist Zahltag, der 15.Juli. Der letzte Tag, an dem in Russland die 13-prozentige Einheits-Einkommenssteuer bezahlt werden muss. Und ich habe es geschafft.

Nun also ist Zahltag, der 15.Juli. Der letzte Tag, an dem in Russland die 13-prozentige Einheits-Einkommenssteuer bezahlt werden muss. Und ich habe es geschafft. Schlangestehen in der staatlichen Sberbank zum Einzahlen.

Einfach war dies indes nicht, wie ich schon im vorigen Weblog berichtete. Nach telefonisch erfolglosen Versuchen, meinen Steuerbescheid zu bekommen, bin ich also gestern zur Steuerbehorde gefahren. Seit dem 3.Mai hatten die Beamten es nicht fertig bekommen, die korrekt und vollstandig von meinem Steuerberater ausgefullte Steuererklarung zu prufen, insbesondere die vom Steuerberater bereits ausgerechneten zu zahlende Steuerbelastung!, und mir den Zahlungsbescheid zuzustellen.

Also Fahrt zum Kreml. In unmittelbarer Umgebung befindet sich das stadtische Steueramt Nr. 38. Doch - es ist weg! Inzwischen heisst es Steueramt No. 47 und sitzt ganz im Norden der 15-Millionen-Metropole am Autobahnring. Dort haben sich die Steuerbehorden eine Trutzburg aus funf Gebaudekomplexen errichtet .mit beige-cremigen und lindgrunen Verschalungskacheln sowie futuristisch an Raumschiffturen a la Mr. Spock erinnernde Alu-Eingangsrundungen. "Nalogowoi Gorodok" - Steuerstadtchen - nennt sich die Anlage. Und montags sowie donnerstags sind Empfangstage.

Im letzten der achtstockigen Blocke werde ich fundig. Funfter Stock. Ein Wachmann sitzt am Eingang. Murrisch, aber nicht vollkommend abweisend. So weist er auf ergebene Anfrage den Weg - zum falschen Zimmer. Dort immerhin weiss man und sagt es sogar, wo ich hin muss. Im gewaltigen Raum 5-14 turmen sich Umzugskartons. "Frankreich", "Nigeria", "Finnland" und vier Kisten mit "Zypern" mit Eddings beschriftete Kartons verstellen die Sicht auf die hinter halbhohen Absperrungen verschanzten Beamtinnen. Dreimal fragen und ich finde meine zustandige Sachbearbeiterin.

"Da wollen wir mal suchen", sagt die Blondine, nachdem ich meinen Vortrag gehalten habe, wer ich bin und was ich will. Zunachst sucht sie in ihrem Computer, ob mein Steuerbescheid uberhaupt erstellt wurde. Treffer! Dann erhebt sie sich aus ihrem Burosessel und stapft auf einen Schreibtisch voller Papierstapel zu. Hektisch beginnt sie darin zu blattern. Mit jeder Minute schwinden meine Chancen. Doch dann zieht sie strahlend meinen Steuerbescheid heraus. Ich darf zahlen!! Und weiss jetzt auch wie viel und auf welches Konto. Hatte sie mein Papier nicht entdeckt inmitten der Steuerpapiere vieler Bekannter, die offen und fur jeden Besucher einsehbar herumflattern, hatte ich von morgen an saftige Strafgebuhren zahlen mussen.

Wie nervenaufreibend oder freudestrahlend die Sache mit den Steuern ist, belegt der Lebensmittel-Kiosk auf dem Gelande des Steuerstadtchens: Dort stehen auf einem roten Plastiktisch vor dem Laden mindestens 20 leere Bierflaschen und werden vom Regenguss ertrankt. Sie sind dennoch die stummen Zeugen des Glucks anonymer Steuerzahler.

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent
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