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Zahltag - Weblog aus Moskau

"Neue Metrostation - bezahlt aus Steuergeldern", wirbt ein großes Plakat in Moskaus Innenstadt und fügt sichtbar fur alle Passanten hinzu: "Danke allen, die Steuern zahlen.

"Neue Metrostation - bezahlt aus Steuergeldern", wirbt ein großes Plakat in Moskaus Innenstadt und fügt sichtbar fur alle Passanten hinzu: "Danke allen, die Steuern zahlen. Bitte an alle, die noch nicht zahlen."

Nun ist Steuerehrlichkeit bekanntermaßen nicht gerade eine Starke der Russen. Woher auch? Zar Peter der Große hatte Russlands Beamten die Gehalter gestrichen mit der lakonischen Bemerkung, sie nahmen sich uber Schmiergelder ja ohnehin was sie brauchten. Das ist heute nicht anders - die Schmiergeldzahlungen sind mit von einem angesehenen soziologischen Institut errechneten 36,5 Mrd. Dollar pro Jahr auf Rekordniveau. Einer der Nachfolger des großen Peter hatte dann angesichts der gahnenden Leere in den Kreml-Kassen landesweit in allen Dorfern Schankstuben errichten lassen. Der Staat hatte ja das Alkoholmonopol - das Prasident Putin jetzt wieder anstrebt ! - und der Verkauf von Wodka brachte dem Krieg führenden Land die nötigen Einnahmen zur Zahlung von Kanonen und Uniformen. Systematisch machte der Staat sein Volk also betrunken. Verkauft wurde das Wässerchen ubrigens eimerweise, denn der Eimer war die entsprechende Maßeinheit.

Aber zurück zu den Steuern. Wegen der weitverbreiteten Wodkapanscherei, deretwegen ja jedes Jahr 40000 Russen (oder ein ganzes Dorf!) elendig zugrunde geht und somit schon Putin auf den Plan gerufen hat, kommt vom Schnaps zu wenig Geld in den Staatssäckel. Also hat Putin bei seinem Amtsantritt im Jahr 2000 etwas gemacht, von dem sich Merkel und Schroder eine Scheibe abschneiden könnten: Er hat die Einkommenssteuer radikal auf den Einheitssatz von 13% gesenkt. Das ist fast schon Weltrekord und - soviel zu Putins okonomischer Vernunft! - lässt seither die Staatseinnahmen sprudeln. Denn inzwischen zahlen die Russen tatsachlich Steuern und der Kreml kann mehr Einnahmen verbuchen als bei den früher 35 oder gar 50 Prozent betragenden Steuersätzen.

Man will also zahlen. Aber wie? Russland wäre nicht Russland, also ein Rätsel, ohne seine sagenumwobenen Apparatschiks. So also füllt man bis spatestens 1.Mai seine Steuererklärung aus. Immer schön ordentlich. Nur in die vorgefertigten Kästchen schreiben, sonst wird die Erklarung ungültig. Dann mahlen die Mühlen der Bürokratie. Wenngleich man die zu zahlende Summe ohnehin in der Steuererklarung selbst errechnen muss, braucht die Steuerbehörde Zeit zur Prüfung des Antrages. Doch die Zeit drängt: Denn wer bis 15.Juli nicht zahlt, bekommt empfindliche Strafen aufgebrummt. Doch wie zahlen?

Denn heute ist bereits der 13. und ein Steuerbescheid im gähnend-leeren Briefkasten nicht zu finden. Also ruft man beim Steueramt an. Das versöhnt einen dann wieder mit Russland und lässt einen angesichts der rasanten Änderungen im Riesenreich nicht allzu weit der noch immer harten Realitat entschweben: Es sei "nicht Aufgabe der Steuerbehörde", den Steuerbescheid dem Steuerzahler zuzustellen, gibt die zuständige Beamtin zum Besten. Was aber dann die Aufgabe des erlauchten Amtes sei, will man ergebenst wissen. "Den Steuerbescheid zu erstellen", tönt es einem entgegen. Aha! Also muss man sich selbst auf den Weg ins Amt machen, wartet zumeist vor verschlossenen Türen, weil naturlich ausgerechnet heute kein Empfangstag ist oder anderntags "soviele Mitarbeiter im Urlaub sind", dass dem Bittsteller nicht geholfen werden kann.

Dafur will man noch nicht einmal 13% zahlen!

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent
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