Zahlungsunfähigkeit droht
Der Dollar ist Argentiniens Rettungsanker

Die schlechten Nachrichten reißen nicht ab: Nach den drei großen Rating-Agenturen stufte nun auch die US-Regierung Argentiniens Bonität herab und äußert damit ihre Skepsis darüber, dass das Dauerkrisenland die Zahlungsunfähigkeit noch vermeiden kann.

BUENOS AIRES. Mit der Herabstufung haben Argentiniens Importeure von US-Produkten künftig nur noch Zugang zu kurzfristigen Krediten von bis zu einem Jahr.

Die Arbeitslosenzahlen sind höher als während der Tequila-Krise

Fehlende Kredite, leere Staatskassen und die mit den Zinsen steigende Verschuldung drehen der einstigen Modellwirtschaft Lateinamerikas die Luft ab. Seit der Abwertung des brasilianischen Real mussten mehr als 3 000 argentinische Unternehmen schließen, weitere 3 800 haben bereits Konkurs angemeldet. Die Arbeitslosenzahlen liegen gemäß Schätzungen der "Gesellschaft für Arbeitsmarkt-Studien" mittlerweile zwischen 18 % und 20 % und sind damit höher als während der Tequila-Krise 1995.

Das verschärft die soziale Lage, denn dem Staat fehlen die Mittel für effiziente Sozialprogramme. Am Sonntag trat der Minister für Soziale Entwicklung, Juan Pablo Cafiero zurück. Dieser Schritt war erwartet worden, nachdem die Regierung das Sozialbudget um 75 % gekürzt hatte.

Auf Grund des rigiden Währungssystems der durch Devisenreserven gestützten 1:1 Dollarbindung und der hohen Verschuldung sind der argentinischen Wirtschaftsführung die Hände gebunden. Für Montag wurde die Verkündung eines neuen Maßnahmenpakets erwartet. Doch dieses enthält vor allem neue Kürzungen im Staatsbudget und ist daher kaum dazu geeignet, die Stimmung der Bevölkerung zu heben. Verhandlungen der Regierung mit den Gouverneuren der Provinzen endeten am Wochenende unbefriedigend, da die Provinzfürsten sich nicht zu Kürzungen in den monatlichen Zuteilungen aus dem Länderfinanzausgleich bereit fanden. Stattdessen soll nun ein Teil der gesetzlich vorgesehenen 1,4 Mrd. $ pro Monat in speziellen Anleihen an die Provinzen ausgezahlt werden.

Teil der Finanzierungskosten soll kapitalisiert werden

Keine zufriedenstellenden Ergebnisse wurden zudem in den Verhandlungen mit argentinischen Banken und Pensionsfonds über eine Umschuldung lokal emittierter Schuldtitel erreicht. Statt wie ursprünglich geplant das Zinsniveau im Rahmen einer freiwilligen Umschuldung auf etwa 7 % zu senken, soll nun ein Teil der Finanzierungskosten kapitalisiert und auf die Kreditsumme aufgeschlagen werden.

Entscheidend für die Frage, wie lange Argentinien der Rezession und dem geschlossenen Kreditmarkt noch standhalten und ein Kollaps des Finanzsystems abwenden kann, sind die Einlagen im Bankensystem. Derzeit beginnen die Sparer ihre Depositen wieder abzuziehen. Das erodiert über kurz oder lang die feste Bindung des Peso an den Dollar. Eine Abwertung würde zu einer weiteren Welle von Firmenpleiten führen und das Verschuldungsproblem weiter verschärfen, da der überwiegende Teil privater und öffentlicher Kredite in Dollar abgeschlossen ist.

Als letzter Trumpf bleibt Argentiniens Regierung die vollständige Dollarisierung, d.h. die Abschaffung des argentinischen Peso. Und es mehren sich die Zeichen, dass die Regierung die notwendigen Schritte dafür vorbereitet. Zwar ist Wirtschaftsminister Domingo Cavallo ein erklärter Gegner der Dollarisierung, da diese die grundlegenden Probleme der Wirtschaft nicht behebt und den Staat außerdem der Zinseinnahmen aus den Zentralbankreserven beraubt.

Doch "wenn die anstehenden Wirtschaftsmaßnahmen keinen Stimmungsumschwung bringen und die Wirtschaft nicht reaktivieren können, würde Cavallo die Dollarisierung als letztes Mittel sehen", heißt es in einem Bericht der Dresdner Bank Lateinamerika. "Diese Maßnahme könnte dann zu einer Erholung der Depositen führen."

Anne Grüttner ist Handelsblatt-Korrespondentin in Madrid.
Anne Grüttner
Handelsblatt / Korrespondentin
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