Zauberlehrling-Hysterie
Harry Potter hat Anleger verhext

Anleger investieren undifferenziert in Aktien, die von der Begeisterung rund um Harry Potter profitieren könnten. Als aussichtsreich gilt AOL Time Warner.

Mit Speck fängt man Mäuse und mit Harry Potter Kunden. So dachte offenbar auch die amerikanische Investmentbank Goldman Sachs und mietete gleich ein ganzes Kino, um Freunden des Hauses den lange erwarteten Harry-Potter-Film vorzuführen, der seit dieser Woche auch in Deutschland läuft.

Mit ihrer Begeisterung für den Streifen steht die Bank nicht alleine da. Neben dem Produzenten AOL Time Warner wollen auch Souvenir- und Spielzeughersteller, Buchverlage und Brausehersteller am Zauber-Boom mitverdienen. An der Börse drückt sich diese Hoffnung in zumeist stark gestiegenen Kursen der betreffenden Unternehmen aus. Angefacht wurde die Euphorie noch durch den Rekord-Besuch in den USA und Kanada am ersten Wochenende nach dem Filmstart.

Experten sehen AOL Time Warner als Gewinner

Zumindest der Filmproduzent AOL Time Warner wird nach Meinung der meisten Experten als Gewinner aus dem Harry-Potter-Zirkus hervorgehen, auch wenn sich die direkten Effekte des Kassenschlagers in Grenzen halten: Nach optimistischen Schätzungen verdient AOL dieses Jahr mit den Potter-Kinoeinnahmen 250 Millionen Dollar, Experten erwarten allerdings einen Konzerngewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebita) von 10 Milliarden Dollar für den gleichen Zeitraum, der direkte "Harry-Beitrag" beläuft sich demnach gerade einmal auf 2,5 Prozent. Dazu kommen natürlich noch die Erlöse aus den Vermarktungsrechten, die allerdings schwierig zu schätzen sind. Allein Coca-Cola lässt es sich 150 Millionen Dollar kosten, mit Harry Potter zu werben.

"Wichtig ist für AOL, dass der Konzern mit dem Potter-Film zeigen kann, dass die Fusion mit Time Warner Sinn macht", sagt Victor Moftakhar, Manager des über drei Milliarden Euro schweren Fonds Deka Telemedien, der in AOL Time Warner rund zehn Prozent der Anlagesumme investiert hat. Besonders das "Cross-Marketing" sei interessant: Das konzerneigene Unterhaltungsmagazin "Entertainment Weekly" hebt den Film auf die Titelseite, der Soundtrack erscheint bei der Tochterfirma Atlantic Records und der Onlinedienst AOL lockt neue Abonnenten mit Kino-Freikarten. "Der Konzern kann kostenlos für den Film werben und gleichzeitig die Attraktivität seiner Produkte steigern."

Kurzfristig gelten die positiven Potter-Erwartungen als bereits im Kurs enthalten (siehe Kasten). Mit dem Start der ebenfalls mit großen Hoffnungen versehenen ersten Episode des "Herr der Ringe"-Zyklus am 19. Dezember könnte die Aktie aber erneut in den Blickpunkt rücken. Weitere Potter-Filme sorgen für neue Phantasie.

"Potter-Effekte" können schnell verpuffen

Zweifelhaft ist, ob sich die Effekte der Harry-Potter-Fiebers auch dauerhaft positiv auf Unternehmen auswirken, die am Ende der Verwertungskette stehen, wie etwa die deutschen Merchandising-Spezialisten Dino Entertainment und Achterbahn. Bei Dino genügten allein schon in Chat-Boards gestreute Nachrichten über einen Harry-Potter-Lizenzerwerb, um eine Verdoppelung des Aktienkurses zu bewirken. Das Unternehmen selbst bemüht sich dabei, den Ball flach zu halten. Es sei zwar richtig, dass Dino zum Filmstart in Deutschland am 22. November vier Merchandising-Produkte auf den Markt bringt. Dies werde sich jedoch nicht dramatisch auf die Geschäftslage auswirken, erklärte ein Sprecher. In der wieder aufgeflammten Kaufhysterie am Neuen Markt wollte kaum ein Anleger die vorsichtigen Töne hören. Vielleicht sind diese Übertreibungen mit ein Grund dafür, warum Dino am 30. November den Neuen Markt verlässt und in den Geregelten Markt wechselt.

Achterbahn AG profitiert besonders

Ein größeres Rad dreht die Achterbahn AG. Als wichtigster nationaler Lizenznehmer mit mehr als 100 Verwertungsrechten wird die durch die Comicfigur Werner bekannt gewordene Gesellschaft Zauber-Fans mit Harry-Potter-Rucksäcken, -Schlafanzügen, -Bestecken und anderen Utensilien beglücken. Ob sich die relativ kleine Gesellschaft (geplanter Umsatz 2001: 54,4 Millionen Mark) daran nicht verschluckt, wird in Branchenkreisen mit Spannung beobachtet. "Warner Brothers haben sich die Rechte sehr teuer bezahlen lassen", sagt Marlies Rasl, Inhaberin der MR Merchandising & Retail, die die deutschen Lizenzen für das "Herr der Ringe"-Epos vermarktet. Sie selbst hat dabei keine Rechte an börsennotierte Gesellschaften vergeben. "Man weiß nie, wie lange es die noch gibt. Nachher muss man dann dem Insolvenzverwalter hinterher rennen, um sein Geld zu bekommen."

Es gibt aber Trost für Harry-Potter-Freunde, die total verzaubert in die falschen Aktien investiert und sich Schürfwunden geholt haben: Der Kosmetikkonzern Beiersdorf bringt Harry-Potter-Pflaster auf den Markt.

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