Zeit der Bewährung
Analysten äußern Skepsis an Microsofts Börsenbewertung

Bill Gates hat wieder gut lachen. Zu Beginn der Sommerferien in den USA präsentiert er gebräunt und entspannt das neueste Produkt seines Unternehmens: das Programmpaket Office XP. Es ist der Startschuss zu einer Großoffensive. Am 25. Oktober steht die Premiere des neuen Betriebssystems Windows XP an, und für den 8. November ist der Verkaufsstart der Spielekonsole X-Box geplant, mit der Microsoft einen ganz neuen Markt betritt. Flankiert wird der Vorstoß durch eine millionenschwere Werbekampagne.

DÜSSELDORF. Ein Blick auf den Aktienkurs scheint die Wende zu belegen. Hatte sich der Börsenwert des Konzerns im Jahr 2000 um zwei Drittel oder rund 400 Milliarden Dollar vermindert, so avanciert das Microsoft-Papier mit einem Kursplus von weit über 60 Prozent seit Jahresanfang zum Top-Performer im Dow-Jones-Index. Stellt sich für Anleger die Frage, ob die Aktie damit bereits heiß gelaufen ist. Sicher scheint nur, dass sich ein Crash wie im letzten Jahr kaum wiederholen dürfte.

Der renommierte Analyst Rick Sherlund vom US-Investmenthaus Goldman Sachs hat die Aktie nach den jüngsten Quartalszahlen wieder auf seine Kaufliste aufgenommen. Nach einem Jahr schleppenden Wachstums und enttäuschender Gewinne hätten die unerwartet guten Zahlen gezeigt, dass sich Microsoft gegen die Schwäche auf dem PC-Markt habe stemmen können, so Sherlund, der seine Bewertung vor zwei Tagen bestätigt hat.

So wie von Sherlund überwiegen in der Analystenzunft die Kaufempfehlungen. Zum Verkauf rät keiner der Profi-Beobachter. Allerdings war das auch schon vor einem Jahr so, als der Konzern in der Klemme steckte. Doch seither punktet Microsoft wieder. Windows 2000, das Betriebssystem für Computernetze in Unternehmen, findet zunehmend Verbreitung. "Statt im letzten Jahr findet der Upgrade in diesem Jahr statt", erklärt DIT-Fondsmanager Ioannis Papassavvas. Da Windows 2000 doppelt so teuer wie das Betriebssystem Windows ME für den Heimcomputer sei, belebe dieser Effekt Umsatz und Gewinn, ergänzt Sherlund. Zudem setze Microsoft verstärkt darauf, seine Programme an Unternehmen zu vermieten, was den Umsatz verstetige.

Bei der Computer-Modernisierungswelle gut positioniert

Wichtig wird es für Microsoft sein, wie schnell sich die XP-Produkte (XP steht für Experience, was man mit Erfahrung oder Erlebnis übersetzen kann) verkaufen werden. DWS-Fondsmanager Volker Dosch erwartet, dass ab Ende 2001 alte Computer turnusgemäß ersetzen werden. Bei dieser Modernisierungswelle sei Microsoft gut positioniert, denn Windows und die Office-Programme laufen auf gut 90 Prozent aller Computer weltweit.

Perspektivisch positiv sieht Fondsmanager Papassavvas den Einstieg in den Spielkonsolenmarkt, da über die X-Box auch der Internetzugang ermöglicht werde. Allerdings dürfte die Konsole Analysten zufolge noch auf Jahre rote Zahlen schreiben, die Microsoft mit seiner Kriegskasse von 30 Milliarden Dollar aber leicht verdauen kann.

Und nach dem Crash bei Internet- und Technolgiewerten steht Microsoft plötzlich auch im Geschäft mit dem weltweiten Datennetz gut da, - ganz einfach, weil viele unliebsame Konkurrenten mittlerweile pleite sind. "Microsoft wird das Unternehmen sein, das die Fäden im Internet knüpft", glaubt Michael Pohn, US-Analyst der DG Bank.

Bush will den Staat aus der Wirtschaft heraus halten

Zum Vorteil des Unternehmens hat sich mit dem Präsidentenwechsel auch die politische Großwetterlage in den USA geändert. Erklärtes Ziel von George W. Bush ist es, den Staat möglichst aus der Wirtschaft herauszuhalten. So könnten sich die Kartellwächter im Streit mit Microsoft für einen Vergleich erwärmen, erwartet etwa Pohn. So weit muss es noch nicht einmal mehr kommen. Nach Ansicht von Rechtsexperten könnte das Berufungsgericht in Washington in den nächsten Tagen die von der ersten Instanz verfügte Aufspaltung des Konzerns kassieren und den Fall mit der Maßgabe milderer Sanktionen zurückverweisen. In dem Verfahren war die Softwareschmiede für schuldig befunden worden, mit ihrem Windows-Monopol die Konkurrenz aus dem Markt für Internet-Navigationsprogramme (Browser) gedrängt zu haben.

Das hat den Softwarekonzern nicht daran gehindert, seine Produkte im neuen Betriebssystem Windows XP noch weiter zu bündeln und aufeinander zuzuschneiden. So bietet Windows XP neben dem hauseigenen Browser auch ein fest eingebautes Multimedia-Programm und bringt den Nutzer mit einem Klick zum eigenen Onlinedienst MSN. Eingebettet ist das ganze in die Strategie ".Net" (sprich dot-net), die darauf zielt, Microsofts Programme mit dem Internet zu verschmelzen.

Kritiker rechnen bereits damit, dass sich der Browser-Krieg wiederholen werde - nur dass der Konkurrent diesmal nicht Netscape, sondern Real Networks heißt und es um die Vorherrschaft bei den Programmen zum Abspielen von Musik- und Videodateien geht.

Für DG-Analyst Pohn steht Microsoft "ganz klar auf Kauf" mit einem Kursziel für die nächsten sechs Monate von 90 Dollar.

Analysten sind uneins über die Microsoft-Aktie

Merrill-Lynch-Analyst Henry Blodget ist dagegen zurückhaltender. Für ihn sind die neuen Produkte kein Muss. Vor allem Unternehmenskunden werden sich in wirtschaftlich flauen Zeiten die Anschaffung überlegen. Er hat auch keine direkte Kaufempfehlung ausgesprochen, sondern die Aktie mit "zwei" bewertet: zukaufen. Deutlicher äußert Fondsmanager Papassavvas seine Skepsis: "Ich würde auf diesem Niveau keinen in die Aktie reinschicken", so der DIT-Mann, "Microsoft hat eine Bewertung erreicht, die vom Ausblick für dieses Jahr nicht mehr gerechtfertigt ist." Ein positiver Prozessausgang sei dabei bereits im Preis enthalten.

Einer der wenigen, die die Aktien bereits im April 2000 von seiner Kaufliste gestrichen hat, ist Emil Heppel, US-Aktienanalyst der Bankgesellschaft Berlin. Er hatte dazu geraten, das Papier bei Kursen von etwa 94 Dollar abzustoßen. Den Titel sieht er in einem langfristigen Abwärtstrend - im Gegensatz zu den meisten seiner Kollegen also auch für den langfristigen Investor nicht als lohnende Anlage.

Dass es an der Börse für Microsoft nicht mehr so steil nach oben geht wie im letzten Jahrzehnt, glauben allerdings auch andere Experten. Es sei fraglich, ob ein so großes Unternehmen die hohen Wachstumsraten der Vergangenheit beibehalten kann, dämpft DWS-Fondsmanager Dosch aufkommende Phantasie. "Langfristig dürfte sich das Papier überdurchschnittlich entwickeln. Ich glaube aber nicht, dass es an die Entwicklung der 90er-Jahre anknüpfen wird."

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