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Zeit des Abschieds

Sehr verehrter Herr Bundeskanzler, sehr verehrter Herr Bundesaußenminister, gestatten Sie mir, dass ich mich in dieser und in aller Form von Ihnen verabschiede. Ich tue dies, nicht ohne tief den Hut zu ziehen.

Sehr verehrter Herr Bundeskanzler,
sehr verehrter Herr Bundesaußenminister,

gestatten Sie mir, dass ich mich in dieser und in aller Form von Ihnen verabschiede. Ich tue dies, nicht ohne tief den Hut zu ziehen. Nicht, wie Sie vielleicht erwarten, für die letzten sieben Jahre. Da bin ich, verzeihen Sie mir diese Offenheit, sogar ziemlich froh, dass sie rum sind, und dass ich nun neue Gesichter (leider auch neue Stanzformeln) erwarten darf. Ihr vom Weltleiden verrutschtes Furchengesicht anzuschauen, lieber Herr Außenminister, war doch zum Schluss keine Entschädigung mehr für die sieben Jahre inhaltslosen, aber bedeutungsschwer vorgetragenen Diplomatenworthülsen. Und Sie, lieber Herr Bundeskanzler, kann ich nicht vermissen, weil ich begnadete Schauspielkunst als Ersatz für reale Politik noch nie zu würdigen bereit war.

Nein, den Hut ziehe ich vor Ihnen als Wahlkämpfer. Schon stellt sich bei mir die postwahlkämpferische Depression ein, weil Sie mich fürderhin mit dem rhetorischen Anfänger und bayerischen Holzschnitzer Stoiber allein lassen. Und ganz ehrlich: Angie's Auftreten auf den "Straßen und Plätzen" dieser Republik reißt auch keinen Hering vom Teller. Da war es einfach schön, Ihnen beiden noch mal zuschauen zu dürfen. Diese brutale Präsenz, diese anarchische Wortgewalt, diese Skrupellosigkeit, mit der Sie die Merkel'sche Truppe vorgeführt haben, war eine Freude! Wie Sie denen den Kirchhof im Munde rumgedreht haben, wie Sie erkannt haben, dass der "Professor aus Heidelberg" für Sie ein Gottesgeschenk war, weil es mit Krieg und Hochwasser nicht klappte und Sie sonst nichts auf der Pfanne hatten. Wie Sie beide mit vorgetäuschter Ernsthaftigkeit die vermeintliche Umfrage-Wende propagierten und in den zahllosen Fernsehrunden die zahnlosen Gesellen mit Hochmut abstraften, das wird Ihnen in dieser Republik so schnell niemand mehr nachmachen.

Ohne Sie beide wird's langweiliger. Nicht die Politik, dafür werden die Grabenkampf-Zwerge aus der Union schon sorgen. Aber der Unterhaltungswert, ja mei, der Unterhaltungswert ist futsch. Vielleicht können Sie noch mal drüber nachdenken, ob Sie uns nicht in irgendeiner Form erhalten bleiben können. Rhetoriklehrer für Eddi, Wahlkampfberater für die CDU-Stümper, Weltpolitikerklärer für den FDP-Teflon-Gerhardt, irgendwas muss doch dabei sein für Sie.

Ich bitt recht schön und verbleibe mit ausgesucht
freundlichen Grüßen
Albrecht Prinz Croy


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