Zeit für das Rundum-Sorglos-Paket
Online-Broker setzen auf neue Produkte

Der deutsche Online-Brokerage-Markt steht vor einem Strategiewandel. Die Kursverluste an den Aktienmärkten haben die Anleger vergrault. Die Handelsaktivitäten als wichtigste Einnahmequelle der Online-Broker sind drastisch gesunken. Mit neuen Angeboten wollen die Finanzdienstleister Kunden anlocken.

DÜSSELDORF. Die schmerzhafte Börsen-Baisse und die zwischenzeitlich zermürbenden Seitwärtsbewegungen verfehlen ihre Wirkung nicht: Online-Broker stecken in einer Krise. Eine Studie der Deutschen Bank besagt, dass die Zahl der ausgeführten Orders bei den vier größten Online-Brokern (Comdirect, Consors, DAB-Bank und Maxblue) stark zurückgegangen ist. Im zweiten Halbjahr 2000 wurden 16,3 Millionen Transaktionen in Auftrag gegeben. Im zweiten Halbjahr des vergangenen Jahres waren es nur noch zehn Millionen.

Mit dem Rückgang der Handelsaktivitäten sanken auch die Provisionseinnahmen der Online-Broker. Einige Broker haben sich bereits vom Markt zurückgezogen. Vor zwei Wochen gab Merrill Lynch das zusammen mit HSBC aufgezogene Online-Brokergeschäft auf. Die Investmentbank hatte rund 200 Millionen Dollar in das bislang unprofitable Geschäft gesteckt. Wer nicht aufgibt, versucht stärker auf die veränderte Nachfrage einzugehen und durch das Angebot von Sparplänen und Investmentfonds Neukunden zu gewinnen oder alte Kunden an das Unternehmen zu binden.

"Die Kundenstruktur hat sich verändert. Die erste Welle der Depoteröffnungen war vor allem auf den Aktienhandel fixiert. Die zweite Welle interessiert sich eher für den Vermögensaufbau", erklärt Andreas Bartels, Sprecher von Maxblue, dem Online-Finanzplatz der Deutschen Bank. Doch auch das sei eine Aufgabe für Online-Broker. Genau hier sieht Marco Thymian, Wissenschaftler am Institut für Bankinformatik und Bankstrategie an der Universität Regensburg die Überlebenschance für Online-Broker. In einem Nischenmarkt, der hauptsächlich auf Transaktionen von Wertpapieren spezialisiert ist, könne der Wettbewerb nur über den Preis laufen. "Wenn Kunden aber nur über den Preis geködert werden, sieht es schlecht aus. Gerade Internet-Kunden sind Vagabunden und werden sofort zur Konkurrenz wechseln, wenn sie dort noch günstigere Konditionen bekommen", weiß Thymian.

So erging es auch der französischen Internetbank First-e. Zu Beginn des vergangenen Jahres lockte das Institut mit Höchstzinsen von 6 % für Guthaben auf Tagesgeldkonten. Ein halbes Jahr später gab es dann nur noch 3,9 % - daraufhin kündigten viele Kunden ihre Depots bei First-e, und der Finanzdienstleister musste sich vom deutschen Markt verabschieden.

Broker als Finanzplaner

Marco Thymian von der Universität Regensburg sieht den Online-Broker der Zukunft als Financial Planer. "Online-Broker werden sich zu Vermögensberater wandeln oder Partner in einem Netzwerk von Anbietern werden, die sich in ihrem Produktangebot ergänzen", erwartet Thymian.

Die Advance Bank hat schon seit ihrer Gründung vor sechs Jahren ein breiteres Angebot als andere Online-Broker. "Viele unserer Kunden haben auch Giro- oder Tagesgeldkonten bei uns", sagt Timo Scheil, Sprecher der Advance Bank. Auf Grund der Börsenlage sei die Nachfrage nach sichereren Anlageangeboten und Beratungen gestiegen. Die breitere Aufstellung trage dazu bei, dass das Geschäft weniger riskant sei.

Nur durch eine bessere Beratung und eine langfristigere Finanzplanung könnten Kunden an einen Anbieter gebunden werden, meint Thymian. "Anleger kaufen keine Aktie, weil sie eine Aktie haben wollen, sondern um ihr Vermögen aufzubauen. Online-Broker sollten ein Rundum-Sorgos-Paket anbieten", sagt der Bankenexperte. Eine Tendenz sei bereits erkennbar. Zwar würden bisher hauptsächlich Investmentfonds angeboten, aber weitere Produkte würden folgen. Maxblue hat für das dritte Quartal schon ein neues Finanzprodukt in der Pipeline.

Mit einem ganz anderen Konzept versucht die Krefelder Ibas AG börsenfrustrierte Anleger zu locken. Als erster Online-Devisenhändler wendet sich das Unternehmen an Kunden, die von Aktien die Nase voll haben. Statt Wertpapieren können Anleger bei Ibas 21 verschiedene Währungen kaufen. "Die Nachfrage ist überraschend hoch", sagt Ibas-Vorstand Wolfgang Stobbe.

Für einen Monat kann sich der Anleger an einem kostenlosen Demokonto versuchen. An über 4 000 dieser Demo-Versionen üben Privatanleger bereits den Devisenhandel. Stobbe erwartet, 10 % bis 12 % der Test-Kunden für ein normales Depot gewinnen zu können. Zur Zeit würden rund 400 solcher Konten genutzt. Durch eine Kooperation mit T-Online, die Ibas am Dienstag abgeschlossen hat, kamen noch weitere Kunden hinzu. "Anleger wollen ja spekulieren, aber nicht mehr mit Aktien. Viele halten die Wertpapiermärkte für manipuliert. Der Devisenmarkt erscheint ihnen ehrlicher", sagt Stobbe.

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