Zeitarbeit: Analyse: Absurde Logik

Zeitarbeit
Analyse: Absurde Logik

Ob die von Rot-Grün betriebene Neuordnung des Marktes für Zeitarbeit womöglich doch noch zu einem Jobwunder führt?

Immerhin liefert der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) gerade einen Beweis dafür ab, dass seine lohnpolitische Vernunft die des Gesetzgebers übersteigt. Erstmals in der Geschichte marschieren die DGB-Gewerkschaften Hand in Hand, um das Lohnniveau in einer ganzen Branche großflächig unter das vom Gesetzgeber vorgesehene Niveau abzusenken.

Nichts anderes besagen die Eckpunkte für einen Branchentarifvertrag, die DGB und Bundesverband Zeitarbeit vorgelegt haben: Für Leiharbeiter soll ein Tarifniveau etabliert werden, das die Bedingungen für "Normalbeschäftigte" jedenfalls befristet unterschreitet - obwohl das neue Gesetz diese Bedingungen grundsätzlich zur Norm erhebt.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Die Hoffnung auf ein Jobwunder ist naiv. Denn gemessen am bisherigen Lohnniveau wird auch der geplante Tarifvertrag - falls er denn zu Stande kommt - die Kostenrelation für die Zeitarbeit gefährlich verschlechtern. Gerade für gering Qualifizierte, die zentrale Problemgruppe auf dem Arbeitsmarkt, werden die Chancen auf eine unsubventionierte Beschäftigung weiter sinken.

Doch vor dem Hintergrund der noch teureren Alternativ-Norm des Hartz-Gesetzes wird der Tarifvertrag immerhin zum schriftlichen Eingeständnis der Gewerkschaftsbewegung, dass ein Zusammenhang zwischen der Höhe der Arbeitskosten und der Beschäftigung besteht. Müssten die unbeirrbaren Kaufkraft-Theoretiker nicht argumentieren, dass damit der dringend nötige Beitrag der Zeitarbeiter zur Stärkung der siechen Binnennachfrage gefährdet werde?

Zudem entsteht in der Zeitarbeitsbranche gerade eine für die deutsche Tariflandschaft einzigartige Konkurrenz: Zwei Arbeitgeberverbände wetteifern darum, das tarifpolitisch Beste aus den Umständen zu machen; wer besser verhandelt, darf mit einem Zustrom neuer Mitgliedsfirmen rechnen. Und Lockangebote der christlichen Gewerkschaften verhindern, dass sich der DGB einfach verweigern kann.

Ein Modell, in dem die Arbeit der Tarifparteien beständiger Kontrolle durch Wettbewerb unterliegt, würde glatt als Vorbild für andere Branchen taugen. Der Schönheitsfehler ist nur: Der Wettbewerb beruht im konkreten Fall auf der absurden Logik des Hartz-Gesetzes, das marktwidrige Löhne erzwingt, falls es gar keinen Zeitarbeits-Tarifvertrag geben sollte. Doch es bleibt die Hoffnung, dass das Bundesverfassungsgericht dieses Gesetz bald hinwegfegt und die Gelegenheit nutzt, um einer wettbewerbsfeindlichen Auslegung des Prinzips der Tarifautonomie enge Grenzen zu setzen.

Dietrich Creutzburg
Dietrich Creutzburg
Handelsblatt / Korrespondent
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