Zeitarbeitsfirmen begegnen Gewerkschaften mit einem überraschenden Vorschlag
Die Fronten bröckeln bei der Zeitarbeit

Das umstrittene Job-Aktiv-Gesetz eröffnet vom kommenden Jahr an für die Zeitarbeit erstaunliche Perspektiven: Ungeachtet scharfer Kritik der Wirtschaftsverbände erkennen einige Zeitarbeitsfirmen darin einen guten Ansatz, um die flexible Beschäftigungsform attraktiver zu machen. Die Gewerkschaften zeigen Interesse.

DÜSSELDORF. Unzufrieden sind eigentlich alle: Nachdem die rot-grüne Koalition beschlossen hat, vom nächsten Jahr an mit ihrem Job-Aktiv-Gesetz die Spielräume für Zeitarbeit zu erweitern, beklagen sich Gewerkschaften, Wirtschaftsverbände und Ökonomen. Zeitarbeit sei "Sklaverei", heißt es bei Arbeitnehmervertretern. Die Zeitarbeitsreform sei eine "Mogelpackung", urteilt das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW). Auch der Branchenverband, der Bundesverband Zeitarbeit (BZA), stimmt ein ins Klagelied.

Zeitarbeitsfirmen hoffen auf mehr Flexibilität

Eine Gruppe von acht Zeitarbeitsunternehmen sorgt nun jedoch dafür, dass es mit der Nörgelei ein Ende haben könnte. Sie sehen die Reform als Basis, auf der sich - unter Mitwirkung der Gewerkschaften - mehr Flexibilität aufbauen lässt. Die acht Querdenker zählen zu den Großen der Branche, darunter die Manpower Zeitarbeit GmbH und die DIS - Deutscher Industrieservice AG, die allein 17 000 Zeitarbeitskräfte beschäftigen. Die Gruppe bringt bei einem Punkt Bewegung in die starren Fronten: Sie kann sich vorstellen, dass für Zeitkräfte dieselben Arbeitsbedingungen festgeschrieben werden wie für die Stammbeschäftigten der Betriebe.

Bisher wird die große Mehrheit der bundesweit mehr als 300 000 Zeitarbeitnehmer nach den oft deutlich schlechteren Bedingungen der Zeitarbeitsfirmen bezahlt; nur für eine Minderheit gelten überhaupt Tarifverträge. "Die Branche muss von dem noch immer verbreiteten Schmuddelimage wegkommen, wonach sie von Niedriglöhnen lebt", begründet Manpower-Geschäftsführer Thomas Reitz das Ziel der Initiative für einen "Zukunftsvertrag Zeitarbeit". DIS-Vorstandschef Dieter Paulmann ergänzt: "Zeitarbeit lebt nicht von Niedriglöhnen, sondern von ihrer höheren Flexibilität."

Die beiden können sich vorstellen, über das hinauszugehen, was die Bundesregierung ins Job-Aktiv-Gesetz hineingeschrieben hat. Forderungen der Wirtschaft folgend, hat sie die Höchstdauer, für die Zeitkräfte an einen Betrieb entliehen werden dürfen, von zwölf auf 24 Monate verlängert. Als Zugeständnis an die Gewerkschaften fügte sie dann eine Vorschrift ein, wonach vom 13. Monat an die Arbeitsbedingungen des Entleihbetriebs gelten müssen.

So aber, darin sind sich praktisch alle einig, bleibt die Reform ein unfertiger Kompromiss: Sie weitet die Spielräume für Zeitarbeit nur zaghaft aus und verhindert auch keine Niedriglöhne. Da sich gerade gering qualifizierte Arbeitnehmer mit unterdurchschnittlichen Löhnen leicht nach zwölf Monaten ersetzen lassen, läuft der Schutzgedanke ins Leere. Und stark spezialisierte Fachkräfte, die länger im Einsatzbetrieb bleiben sollen, werden zumeist ohnehin recht gut entlohnt.

Hoffnung auf baldige Lohnangleichung

Reitz und Paulmann glauben aber, dass sich darauf aufbauen lässt. Sie schlagen einen breiten Kompromiss vor, in dem sich die Branche mit Gewerkschaften und Regierung verständigt, dass das Prinzip "Gleicher Lohn für Zeitkräfte und Stammbeschäftigte"künftig schon vom sechsten oder gar dritten Einsatzmonat an vorgeschrieben wird. Im Gegenzug würden dann andere Regulierungen abgebaut - zum Beispiel die Höchstgrenze der Entleihdauer, die in der Praxis etwa bei hoch qualifizierten Kräften wie Computerexperten noch immer zu kurz sei.

Allerdings funktioniert das Prinzip "Gleicher Lohn" nur, wenn es gesetzlich für alle Unternehmen festgeschrieben wird. Und das ist - abgesehen von Skepsis bei anderen großen Anbietern wie Randstad und Adecco - auch ordnungspolitisch bedenklich. Dennoch zeigen sich auch liberale Ökonomen aufgeschlossen: "Zeitarbeit ist für Arbeitslose ein wichtiger Einstieg in den regulären Arbeitsmarkt", sagt der Würzburger Arbeitsmarktforscher Norbert Berthold. Deshalb sei eine Erweiterung der Spielräume in jedem Fall sinnvoll. "Und der Abbau von Regulierungen ist erfahrungsgemäß oft nur über Umwege zu erreichen."

Ein aufgeschlosseneres Verhältnis der Gewerkschaften zur Zeitarbeit könnte immerhin die Chance eröffnen, dass Deutschland auf diesem Feld seinen Rückstand aufholt - im viel zitierten Musterland Niederlande ist der Anteil der Zeitkräfte an allen Beschäftigten mehr als fünfmal so hoch wie in Deutschland.

In der Tat stößt die Initiative der acht Zeitarbeitsfirmen bei den Gewerkschaften bereits auf Interesse (siehe Nachgefragt). Und falls das Projekt über die Vorbereitungsphase hinauskommt, wird ihr wohl auch die Bundesregierung Aufmerksamkeit schenken müssen. Sie muss bei den gerade erst beschlossenen Änderungen des Zeitarbeitsrechts womöglich ohnehin bald nachbessern - denn auch die Europäische Union hat bereits Bedenken gegen einzelne Bestimmungen des Arbeitnehmerüberlassungsgesetzes angemeldet.

Dietrich Creutzburg
Dietrich Creutzburg
Handelsblatt / Korrespondent
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