Zeiten des Umbruchs
Analyse: Neuanfang bei der Deutschen Bank

Die Aktionäre der Deutschen Bank sind irritiert. Das diffuse Bild, das die Führungsspitze mit den von ihr vorgelegten Zahlen und Zukunftsplänen in den letzten Tagen bot, wirft mehr Fragen auf, als es beantwortet.

Die Aktionäre der Deutschen Bank sind irritiert. Das diffuse Bild, das die Führungsspitze mit den von ihr vorgelegten Zahlen und Zukunftsplänen in den letzten Tagen bot, wirft mehr Fragen auf, als es beantwortet. Während etwa der designierte Vorstandschef Josef Ackermann alles tut, um die Bank möglichst rasch gegen eine feindliche Übernahme aufzurüsten, meint Noch-Sprecher Rolf-E. Breuer, eine Übernahme sei schon deswegen unwahrscheinlich, weil Investoren anderswo leichter eine lohnende Rendite erreichen könnten; Deutschland sei als Investitionsstandort viel zu kompliziert und daher abschreckend.

Der Neue will den Aktienkurs schnellstens nach oben ziehen und hält dies auch für gerechtfertigt, während der Alte offenbar in absehbarer Zeit auf Grund des widrigen Umfelds keine nachhaltigen Ertragsverbesserungen und damit Kurssteigerungen für möglich hält.

Ja was denn nun? Hat die Aktie der Deutschen Bank das Potenzial, überproportional zu steigen, oder sind die internen Probleme mit hohen Verwaltungskosten und faulen Krediten doch größer als erwartet? Sollen die Anleger einsteigen, weil der Kurstrend nach oben geht, oder sollen sie lieber die Finger von der Aktie der Deutschen Bank lassen, weil Geldmarktfonds eine höhere Rendite versprechen? Was gilt - der Optimismus von Ackermann oder der Pessimismus von Breuer? So lange sich diese Unsicherheit hält, so lange die Widersprüche nicht beseitigt sind, so lange es also keine klare Perspektive gibt, dürfte sich der Markt in Zurückhaltung üben. Und die Aktie dürfte weiter um die 70-Euro-Marke tänzeln.

Sechs-Punkte-Programm für steigende Kurse

Josef Ackermann, der am 22. Mai offiziell in die Sprecherfunktion aufrückt, muss binnen weniger Monate den Nebel lichten, um sein erklärtes Hauptziel zu erreichen. Er will den Marktwert der Bank und damit auch deren Aktienkurs in absehbarer Zeit mehr als verdoppeln, um in der Spitzengruppe der weltweit führenden Banken ernst genommen zu werden. Und zwar als Kooperationspartner oder Käufer, und nicht als schwächelnder Übernahmekandidat.

Wie Ackermann sich das vorstellt, lässt sich in sechs Punkten zusammen fassen:

1. Verbesserung der Marktstellung im Investmentbanking und in der Vermögensverwaltung, die derzeit den größten Gewinn abwerfen;

2. Konzentration auf die Kernkompetenzen und damit Verabschiedung unrentabler Randbereiche; 3. Rascher Abbau der Industriebeteiligungen;

4. Drastische Senkung der Verwaltungskosten und Steigerung der Rentabilität;

5. Verschlankung des Privatkundengeschäfts und damit Beendigung der viel zu teuren Retailstrategie in ganz Europa;

6. Rückkauf eigener Aktien.

Dieses Sechs-Punkte-Programm will Ackermann schnellstmöglich durchziehen und in zählbare Gewinne umsetzen. Schafft er das bereits ansatzweise bis zur Bekanntgabe des Halbjahresergebnisses am 1. August, wie dies derzeit geplant ist, dann dürfte das Vertrauen der Anleger wieder wachsen, und dann könnte der Aktienkurs noch im Sommer für positive Überraschungen sorgen.

Noch gibt es freilich kaum mehr als wohlklingende Absichtserklärungen und Powerpoint-Präsentationen. Nur zwei Indizien halten die Analystengemeinde bislang einigermaßen bei Laune: zum einen der beeindruckende Kostensenkungserfolg im ersten Quartal 2002, als fast eine Milliarde Euro eingespart wurden. Man traut es der Bank jetzt offenbar zu, weiteres Einsparpotenzial zu realisieren.

Zweitens die Durchsetzungskraft, die Ackermann bei der Implantierung der neuen, auf ihn als starken Vorstandschef zugeschnittenen Führungsmannschaft vor einigen Wochen bewies. Wie Ackermann dies durchboxte, brachte ihm viel Respekt in der Finanzgemeinde ein. Der neue Steuermann der Deutschen Bank genießt also durchaus einen gewissen Vertrauensvorschuss der Märkte - muss aber ganz schnell unter Beweis stellen, dass er diesen auch verdient hat.

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