Zeitgeschichte
Dynamit für den Parteitag

1962 explodierte an der gerade erst errichteten Berliner Mauer eine Bombe und lieferte dem Propaganda-Krieg zwischen Ost und West neue Munition. Jetzt kommt heraus: Hinter den Mauer-Bombern stand nach Angaben eines Zeitzeugen ein Mann, der sich später Ruhm und Ehre in der deutschen Politik erarbeiten sollte.

BERLIN. Innensenator Heinrich Albertz war empört. Hals über Kopf war er abgereist vom SPD-Parteitag in Köln, um daheim in Berlin vor Ort sein zu können. In der Nacht zuvor hatte es einen Sprengstoffanschlag gegeben, den ersten seiner Art. Auf die Mauer, das unmenschliche Bauwerk, das die DDR wenige Monate zuvor mitten in Berlin errichtet hatte, um die Bewohner der einen Hälfte der Stadt am Betreten der anderen zu hindern. Fast jeden Tag gab es Schießereien, starben Flüchtlinge im Kugelhagel der Volkspolizei. Doch die Berliner wehren sich, finden sich nicht ab mit der Teilung ihrer Stadt: Die Mauersprengung ist der Beweis.

Es ist die Reaktion der DDR-Regierung, die den Senator so ärgert: Der Anschlag sei eine Provokation Westberlins, hatte DDR-Innenminister Karl Maron behauptet, die Sprengsätze seien "unter dem Schutz der Polizei" gelegt worden. "Eine Lüge", schäumt Albertz. Den Vorwurf weise er "mit Nachdruck zurück". Später verbreitet sich die Spekulation, der Anschlag sei das Werk einer Ostberliner Untergrundorganisation.

Gelogen wurde damals, auf dem Höhepunkt des Kalten Kriegs, permanent und von allen Seiten. Doch heute, 45 Jahre später, könnte sich herausstellen, dass ausnahmsweise einmal die DDR-Regierung der Wahrheit durchaus nahe gekommen war: Neuen Quellen zufolge kam der Anstoß zu dem Anschlag in der Tat aus der Westberliner Senatskanzlei. Nach diesen Angaben soll ein Vertrauter des damaligen Bürgermeisters und späteren Bundeskanzlers und Friedensnobelpreisträgers Willy Brandt die Sache initiiert haben, wohl um für den am nächsten Tag beginnenden SPD-Parteitag ein passendes Zeichen zu setzen. Der Name des Brandt-Mitarbeiters: Egon Bahr.

Dieter Thieme ist damals dabei gewesen bei dem Anschlag auf die Mauer. Gemeinsam mit seinen Freunden Bodo Köhler und Detlef Girrmann kämpfte Thieme damals an vorderster Front gegen die Mauer. Sie verhalfen als Fluchthelfer aus Idealismus und unter größtem persönlichem Risiko Hunderten verfolgter DDR-Bürger zur Flucht in den Westen. Köhler, 2005 verstorben, hatte als treuer SPD-Parteisoldat einen engen Draht zu Bahr, der damals Senats-Pressesprecher war.

Einige Wochen vor der Sprengung sei Köhler bei Bahr gewesen, berichtet Thieme im Gespräch mit dem Handelsblatt. Bahr habe "gesagt, da müsse vielleicht mal an der Mauer was geschehen", und dabei "mit den Händen rumgefuchtelt". Für die drei Fluchthelfer war klar, was das bedeutet. Ein befreundeter Bergbaustudent aus der Schweiz besorgte den Sprengstoff, "zwei Dutzend Rollen, sah aus wie Marzipan". Köhler habe auch den Termin festgelegt: die Nacht des 26. Mai 1962.

Alles läuft planmäßig. Vier Sprengsätze explodieren; in der Mauer an der Ecke Bernauer/Schwedter Straße klafft eine zwei Meter breite Bresche (die freilich sofort wieder zugemauert wird). Natürlich habe die Polizei geholfen, sagt Thieme. "Die haben die Sandsäcke mitgeschleppt." Ein Polizist habe sogar die Lunte angezündet, mit der Glut einer Zigarre - so mache man das, hatte man ihnen erklärt.

Was Thieme zu dem Zeitpunkt nicht weiß: Am nächsten Tag soll Brandt in Köln auf dem SPD-Parteitag eine große Rede halten. Und zum stellvertretenden Parteivorsitzenden gewählt werden. Unmittelbar nach der Sprengung sei Köhler "in die Telefonzelle und hat den Bahr angerufen", erinnert sich Thieme. "Bahr hat schon gewartet auf den Anruf und hat gesagt: ,Mensch, das wird höchste Zeit.? Und dann konnte eben Willy Brandt verkünden, da sind Leute, die lassen sich das nicht bieten."

Vor dem Parteitag in Köln redet Brandt über die Wiedervereinigung. Er wirbt für Verhandlungen, für Entspannung - und gleichzeitig für eine harte Linie im Kampf gegen die Mauer. Wenn das deutsche Volk sich mit der Spaltung abfände, "dann sei "etwas nicht in Ordnung mit ihm", sagt er unter lebhaftem Beifall. "An der Mauer hat es geknallt", sagt er, "und dort ist Blut geflossen. Die Mauer ist so unnatürlich und unmenschlich, dass wir uns damit niemals abfinden können." Kurz darauf wählen ihn die Delegierten zum Parteivize, mit überraschend deutlichem Stimmenvorsprung vor seinem Konkurrenten Herbert Wehner.

Köhler hatte Bahrs Verwicklung in den Anschlag bis zu seinem Tod stets abgestritten. Historiker reagieren überrascht: "Da sieht man, wie von jeder Seite die Teilung instrumentalisiert worden ist", sagt der Karlsruher Zeithistoriker Peter Steinbach. Die Fluchthelfer seien für parteipolitische Zwecke missbraucht worden.

Bahr bestreitet die Sache nicht: Er könne sich nicht erinnern, sagt er auf Anfrage des Handelsblatts. Gegenüber der Historikerin Marion Detjen, die ein Buch über die Fluchthelfer schrieb, hat Bahr allerdings eingeräumt, er habe damals "ungeheure Sympathien" für Überlegungen aus Fluchthelferkreisen gehabt, die Mauer zu sprengen.

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