Zeitungen drohen mit Stellenabbau
Selbst bei der Neuen Zürcher geht die Angst um

Lange Zeit galt die Schweizer Zeitungsbranche als Hort von Stabilität und Seriosität. Doch die Werbekrise hat vor den Alpen nicht Halt gemacht, hinzu kommt der Vertrauensverlust durch die Botschafte-Affäre.

HB GENF. In Schweizer Redaktionen geht die Angst um. Wer muss als nächster gehen? Fast alle großen Verlagshäuser treten energisch auf die Bremse, in die wirtschaftliche Krise platzt auch noch die publizistische Pleite um das größte Medienunternehmen des Landes, Ringier. Die Boulevard-Zeitung "Blick" hatte den Schweizer Botschafter in Berlin, Thomas Borer, mit offensichtlich getürkten Berichten über eine Affäre in den Rücktritt getrieben. Laut Verleger Michael Ringier kann es für die Blätter seines Hauses "Jahre" dauern, bis sie das zerstörte Vertrauen wieder gewonnen haben. Noch, so versichert die Ringier-Verlagsdirektion, habe der Fall aber nur "sehr marginale Auswirkungen im Anzeigenbereich".

Doch auch am anderen Ende der Seriösitätsskala, bei der noblen Neuen Zürcher Zeitung, herrscht Zerknirschung: Die NZZ schnürt "große Sparpakete", wie Tobias Trevisan, Leiter Verlag Zeitungen der NZZ Gruppe sagt. Ein Ende der Sparmaßnahmen sei nicht absehbar, offen sei, ob es auch Mitarbeiter treffe. Entlassungen bei der NZZ? Das war bis vor kurzem undenkbar.

Wer bei dem 223 Jahre alten Blatt eine Stelle als "Redaktor" oder im Verlag ergattert hatte, konnte sich zur eidgenössischen Medienelite zählen. Keine andere Zeitung ging so pfleglich mit ihren Leuten um, keiner anderen Zeitung wurde von ihren Mitarbeitern so die Treue gehalten. Doch ließ sich auch die Geschäftsleitung von verführerischen modernen Ideen inspirieren. NZZonline schien ein Muss, das Angebot verschlingt aber laut Insidern nur Geld - "und die Printausgabe muss bluten", ärgert sich ein Zeitungs-Redaktor.

Zwar weist die NZZ eine stabile Auflage von rund 170 000 Exemplaren aus, aber das Anzeigengeschäft brach - ähnlich wie unter Deutschlands überregionalen Tagezeitungen - dramatisch ein. Bei den Stelleninseraten erlebte das Blatt ein Minus von 50 Prozent im Vergleich zum Juni 2001, der Umsatz mit gewerblichen Inseraten schrumpfte um 15 Prozent. Nun stöhnt die ganze Branche über die Flaute. Insgesamt sank das Volumen der Anzeigen in Zeitungen, verglichen mit der Vorjahresperiode, im ersten Halbjahr, um 15 Prozent.

Bei der WEMF AG für Werbemedienforschung suchen die Experten nach Erklärungen. "Keine Theorie ist mehr gültig", resigniert der Leiter Werbestatistik, Rolf Blum. Derzeit würde im Verhältnis zur gesamtwirtschaftlichen Entwicklung weder antizyklisch, noch zeitverschoben, noch parallel geworben. "Die Zukunft der Branche ist nicht mehr prognostizierbar," heißt es bei der WEMF. Schlimmer noch für die etablierten Zeitungen: Neue Konkurrenten greifen in den Kampf um die schrumpfende Schar der Werbekunden ein. In den Ballungsräumen gingen Pendlerzeitungen an den Start, allein in Zürich lagen drei Gratispostillen in den Bahnhöfen aus. Eine musste aufgeben. Dennoch: Traditionsreiche Titel wie die Basler Zeitung oder der Zürcher Tages-Anzeiger haben unter den lästigen Mitbewerber zu leiden. So büßte der Tages-Anzeiger zwischen 1998 und 2002 nach WEMF-Zahlen fast ein Zehntel seiner Auflage ein. Jetzt verlegt Herausgeber Tamedia noch rund eine Viertel Millionen "Tagis" aufgelegt. Die Folge: ein hartes Sparprogramm. Betroffen davon ist auch Tamedias "Sonntagszeitung".

Sie muss sich überdies gegen eine noch härtere Konkurrenz behaupten. Denn neben dem Boulevardblatt "SonntagsBlick" von Ringier liegt auch noch die "NZZ am Sonntag" am Kiosk. Aus dem Hause NZZ heißt es, dass über den Erfolg des Projekts "vier Monate nach dem Start noch keine aussagekräftigen Stellungnahmen abzugeben sind". Doch die NZZ-Manager denken schon jetzt mit Bangen an den Jahreswechsel: Dann läuft das Gratis-Abo der Sonntagszeitung für die regulären NZZ-Abonnenten aus.

Quelle: Handelsblatt

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