Zentralbank kauft Aktienpakete der schwächelnden Kreditinstitute – Kurse ziehen an
Japans Banken bekommen Hilfe

Die japanische Notenbank hat sich überraschend entschlossen, den angeschlagenen Banken des Landes aktiv zu helfen. Die Institute können künftig Aktien direkt an die Zentralbank verkaufen. Die Regierung freut sich, doch mit dem Schritt sind noch lange nicht alle Probleme gelöst.

bas TOKIO. Angesichts der drückenden Finanzmarktprobleme im Land will die japanische Zentralbank Geschäftsbanken direkt Aktien abkaufen. Mit dem überraschenden Schritt, gegen den sich die Zentralbank bisher strikt geweigert hat, sollen die Bilanzen der Institute schneller bereinigt werden.

Traditionell besitzen Japans Banken über Überkreuzbeteiligungen Aktienpakete zahlreicher Firmen, die sie wegen der gesunkenen Kurse derzeit nicht verkaufen wollen. Wegen der ohnehin minimalen Kapitalquote fehlt ihnen aber so der Spielraum, die Vielzahl an faulen Kredite schneller abzubauen. "Japanische Banken halten eine Menge Aktien, und als Zentralbank wollen wir ihnen helfen, den Einfluss der fallenden Aktienkurse zu verringern", sagte der Gouverneur der Bank of Japan (BOJ), Masaru Hayami, am Mittwoch in Tokio nach einer Sitzung des politischen Rates. Mit dem direkten Verkauf an die Zentralbank unter Umgehung des Aktienmarktes wird der anhaltende Abwärtsdruck auf die Kurse gebremst. Volumen und Zeitpunkt der Käufe stehen noch nicht fest. Ein Sprecher der Bank sagte jedoch, der Plan solle "so schnell wie möglich" für eine begrenzte Zeit umgesetzt werden. Denkbar sind Hayami zufolge ein bis zwei Jahre. Die Zentralbank wird die Papiere zu Marktpreisen kaufen.

Experten zeigen sich freudig überrascht

Viele Aktienexperten zeigten sich freudig überrascht von dem Schritt der Zentralbank. "Es ist ein drastischer Politikwechsel und ein Schritt in die richtige Richtung", sagte Ökonom Takehiro Sato von der Investmentbank Morgan Stanley. Die Aktienindizes verringerten nach der Ankündigung in der letzten Viertelstunde vor Börsenschluss ihre Tagesverluste deutlich. Vor allem Bankenaktien drehten ins Plus und endeten bei Gewinnen von bis zu 4,5 Prozent. Auch Handels- und einige Automobilaktien, die besonders stark in den Bankbilanzen vertreten sind, stiegen. "Das bringt bestimmt ein dickes Plus für die Aktien", sagte Investmentstratege Norihiro Fujito von Mitsubishi Securities. Andere Experten bezweifelten jedoch einen langfristigen Effekt und zeigten sich zugleich besorgt, dass Bilanz und Ruf der Zentralbank angekratzt werden könnten. "Die Zentralbank schreitet als letztmöglicher Käufer ein und verstaatlicht das Risiko der Aktienentflechtung", kritisierte Chefökonom Jesper Koll von Merrill Lynch. "Eine Zentralbank kauft keine Aktien."

Hayami bestritt politischen Druck als Motiv der Entscheidung. Er sagte, der Schritt sei nicht zur Stärkung der Aktienmärkte, sondern zur Stabilisierung des Finanzsystems gedacht. Seit Jahren stellt sich Hayami gegen die Forderungen der Regierung, mehr Liquidität in den Markt zu pumpen. Sein Argument bisher: Zunächst müssten die Strukturen der japanischen Wirtschaft reformiert werden, erst dann könne die Zentralbank weiter helfen.

Erst vor wenigen Tagen hatte sich die Zentralbank gegen einen Plan der Regierung ausgesprochen, aktienähnliche so genannte Exchange Trade Funds (ETF) zur Stützung der Aktienkurse zu kaufen.

Anfang des Monats war der Nikkei-Index auf den tiefsten Stand seit 19 Jahren gefallen. Der Kursverfall belastet die Bilanzen der Banken und drückt ihre Kapitalquote gefährlich nach unten. Ende September, zum Ende des ersten Geschäftshalbjahres, müssen die Banken ihre Anteile zu den Marktkursen verbuchen. Zum Ende jedes Halbjahres geht deshalb in Tokio das große Zittern los. Bei weiter fallenden Kursen befürchten einige Beobachter den Zusammenbruch des einen oder anderen Instituts.

Koizumi will Abbau fauler Kredite beschleunigen

Ministerpräsident Junichiro Koizumi hatte seinem US-Kollegen George Bush in der vergangenen Woche erneut zugesichert, den Abbau der faulen Kredite zu beschleunigen. In dieser Woche will er ein neues Anti-Deflationspaket vorstellen. Der Schritt der Zentralbank kommt deshalb mehr als gelegen. In einer Rede Koizumis zur Reformpolitik dürften heute bereits wichtige Schritte erläutert werden. Seinem Minister für Finanzdienste, Hakuo Yanagisawa, der bisher keine zusätzlichen Schritte für nötig gehalten hatte, machte Koizumi am vergangenen Freitag Druck.

Nicht jede Bank wird in den Genuss eines möglichen Verkaufs an die Bank von Japan kommen. Das Angebot gilt nur für die mehr als zehn Banken, deren Aktienbestand über ihrem Kernkapital liegt. Innerhalb von zwei Jahren soll das Kernkapital einem neuen Gesetz zufolge bei allen Banken höher liegen. Nach Angaben Hayamis übertrifft bei den größeren Banken des Landes derzeit der Aktienbestand das Kernkapital insgesamt um rund sieben bis acht Billionen Yen (60 bis 68 Mrd. Euro).

Die Frage ist jedoch, inwieweit die Banken überhaupt auf das Angebot der Zentralbank eingehen. Denn viele setzen bis Jahresende auf steigende Kurse und wollen daher derzeit nicht durch einen Verkauf Verluste realisieren. Ökonom Sato glaubt deshalb vor allem an einen "Ankündigungseffekt", der zunächst einmal die Aktienkurse hochtreibt. "Vor allem die ausländischen Investoren haben auf einen solchen Schritt gewartet." Und wenn dadurch die Aktienkurse steigen, würden sich die Banken zum Verkauf ihrer Anteile entschließen, auch über den ganz normalen Aktienmarkt.

Quelle: Handelsblatt

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