Zerstörung allein bewirkt keine Stabilität
Kommentar: Bushs Reflexe

Kriege werden nicht nur auf den militärischen Schlachtfeldern entschieden. Sie sind mehr denn je auch ein Kampf um die Zustimmung der Weltöffentlichkeit, ein Buhlen um moralische Legitimation. Dabei wird das Fernsehen zunehmend zur Bühne für die politischen Bataillone.

Nicht zuletzt deshalb wirbt US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld fast täglich für sein Konzept der chirurgischen Schläge. Auf der anderen Seite zielen die Video-Botschaften von Osama bin Laden und seinen Helfershelfern auf die Mobilisierung der muslimischen Massen. Die plakativen Filmausschnitte von zivilen Opfern in Afghanistan richten sich aber auch an die westliche Öffentlichkeit, einschließlich ihrer friedensbewegten Ausläufer.

Es geht um die Manipulation der Wahrnehmung durch propagandistische Darstellung. In diesem Krieg der Bilder haben die Amerikaner in den letzten Tagen Minuspunkte gemacht. Sowohl die versehentliche Tötung von vier Uno-Mitarbeitern als auch die fehlgeleitete Bombe, die in einem Wohngebiet landete, kratzen am High-Tech- Image der USA. Der Kampf um die psychologische Tiefenwirkung beim Publikum hat eine neokolonialistische Dimension bekommen: Die TV-Sequenzen erscheinen suggestiv als Schlagabtausch zwischen Supermacht und Dritter Welt, zwischen Schwerreich und Bettelarm.

Dabei stellt sich die Frage, ob in diesem Zusammenhang der Begriff der Supermacht überhaupt noch gerechtfertigt ist. Während des Kalten Krieges galten die USA und die Sowjetunion wegen ihrer gewaltigen atomaren Vernichtungsarsenale als die Mega-Faktoren der internationalen Politik. Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus hatte Amerika auf Grund seines wirtschaftlichen, technologischen und militärischen Potenzials den alleinigen Spitzenrang. Doch im Zeitalter des Terrorismus ist die Ebene der Vergleichbarkeit abhanden gekommen. Die Milzbrand-Hysterie in den USA zeigt, dass eine hoch zivilisierte Gesellschaft mit relativ primitiven Mitteln erschüttert werden kann. Die anonyme Gefahr des Terrors durchlöchert die Schutzmechanismen eines fortschrittlichen Systems auf nicht für möglich gehaltene Weise.

Angesichts dieser neuen Bedrohung reagiert US-Präsident Bush größtenteils noch mit den alten Reflexen der Supermacht. Sowohl seine anfängliche "Kreuzzugs"-Rhetorik als auch sein Bekenntnis zur "weltweit größten Nation Amerika" sind Ausflüsse eines demokratischen Sendungsbewusstseins, das in seinen Ursprüngen bis zum Puritanismus zurückreicht. Damit kein Zweifel aufkommt: Die infamen Terrorakte vom 11. September müssen gesühnt werden. Aber die Militäreinsätze sollten angemessen und zielgenau sein, um die Täter zu bestrafen. Wildes Um-sich-Schlagen ist kontraproduktiv, bedingungslose Nibelungentreue spiegelt trügerische Sicherheit vor.

Mit Zerstörung allein werden die Amerikaner im Nahen und Mittleren Osten keinen Zustand langfristiger Stabilität erreichen. "Dieser Krieg geht um die Vernichtung des Taliban-Regimes, nicht um den Aufbau Afghanistans", argumentiert Charles Krauthammer in der Washington Post. Doch mit dieser Dampfhammer-Logik wird der politische Extremismus kaum eingedämmt werden. Amerika sollte neben der örtlich begrenzten Militäraktion ein umfassendes Hilfskonzept für das Armenhaus am Hindukusch erstellen. Es ist die Stunde eines Marshall-Plans für Asien, der unter der Federführung der Uno stehen könnte. Mit ihrem grenzüberschreitenden Aufbauprogramm nach dem Zweiten Weltkrieg haben sich die USA in Europa einen Bonus der Zustimmung geschaffen, von dem sie jahrzehntelang zehrten. Eine ähnliche Chance besteht auch jetzt.

Michael Backfisch
Michael Backfisch
Handelsblatt / Korrespondent
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