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Zeugen: Daschner setzte Drohung gegen Widerstand durch

Der frühere Frankfurter Vize- Polizeipräsident Wolfgang Daschner hat die Bedrohung des Metzler- Entführers gegen den Widerstand seiner führenden Beamten durchgesetzt.

dpa FRANKFURT/MAIN. Der frühere Frankfurter Vize- Polizeipräsident Wolfgang Daschner hat die Bedrohung des Metzler- Entführers gegen den Widerstand seiner führenden Beamten durchgesetzt.

Er habe am Morgen des 1. Oktober 2002 in Absprache mit Kollegen zunächst die Anweisung Daschners zur Gewaltanwendung nicht umgesetzt, sagte der damalige Chef der Sonderkommission "Louisa" am Montag als Zeuge vor dem Frankfurter Landgericht. Stattdessen habe man ein in der Nacht zuvor vorbereitetes Konzept weiterverfolgt, das die Konfrontation des Täters mit den Angehörigen des entführten Bankierssohns Jakob von Metzler vorsah.

Daschner hatte nach eigener Aussage am Morgen des vierten Entführungstages angeordnet, den festgenommenen Täter Magnus Gäfgen mit Schmerzen zu bedrohen und sie ihm im Beisein eines Arztes auch zuzufügen, falls er nicht das Versteck seiner Geisel verrate. Der 61- jährige suspendierte Vize-Präsident ist wegen der Verleitung zu schwerer Nötigung angeklagt. Neben ihm auf der Anklagebank sitzt der Vernehmungsbeamte, der Gäfgen dazu gebracht hatte, das Leichenversteck des elfjährigen Kindes zu verraten.

Daschner habe sich auf eigene Faust den Beamten gesucht, der die Drohungen ankündigen sollte, berichtete der Soko-Chef. Das sei an ihm und auch an dem zuständigen Abschnittsleiter vorbei gelaufen. In einer zweiten Besprechung habe Daschner sein Konzept durchgesetzt: "Herr Daschner war sehr erregt. Er war laut." Der Polizei-Vize habe sein Vorgehen mit der polizeilichen Aufgabe der Gefahrenabwehr begründet und sich auf einen übergesetzlichen Notstand berufen. Hier habe er intuitiv Vorbehalte gehabt und rechtliche Bedenken geäußert, sagte der Zeuge: "Die ganze polizeiliche Sozialisation ist darauf ausgerichtet, dass wir Menschen im polizeilichen Gewahrsam keine Schmerzen zufügen." An eine Einbeziehung der Staatsanwaltschaft habe niemand gedacht.

Der ebenfalls als Zeuge geladene Chef der Sondereinsatzkräfte (SEK) hatte es nach eigener Aussage aus Fürsorgegründen abgelehnt, einen seiner Beamten mit Gewalttaten zu beauftragen. Er habe aber einen Freiwilligen gefunden, der sich bereit erklärt hatte, auf direkte Anweisung Daschners gegen Gäfgen vorzugehen. Dieser Beamte sollte aus dem Urlaub mit einem Hubschrauber herbeigeholt werden. Auch ein Polizeiarzt stand bereit.

Besondere Hoffnungen in dem Alternativkonzept habe man nach dem Rat des Polizeipsychologen auf ein Gespräch Gäfgens mit Jakobs Schwester Elena gesetzt, sagte der 42 Jahre alte Soko-Chef. Die 15- Jährige und ihr zwei Jahre älterer Bruder seien in der Nacht auf diese schwierige Aufgabe vorbereitet worden. Dass es zunächst nicht dazu gekommen sei, habe an neuen Aussagen Gäfgens gelegen, der die Polizei an ein angebliches Geiselversteck an einem See südlich von Frankfurt schickte. Diese Aussage hatte sich am Morgen als falsch herausgestellt. "Ich war mir sicher, dass wir ihn knacken könnten über die gut aussehende Elena von Metzler, die das verkörperte, was er haben wollte", sagte der 42-Jährige. Der Psychologe hatte nach Angaben des Zeugen von einer Bedrohung Gäfgens abgeraten.

Der Prozess gegen die beiden Polizisten wird am Donnerstag fortgesetzt. Dann soll der zu lebenslanger Haft verurteilte Gäfgen aussagen.

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