Zeugenaussage des Medienmoguls
Kirch gibt Haffa-Brüdern keine Rückendeckung

Die Haffa-Brüder haben in ihrem Prozess um angeblichen Kursbetrug beim Medienunternehmen EM.TV am Montag keine Entlastung von der zusammengebrochenen Kirch-Gruppe bekommen.

Reuters MÜNCHEN. Der öffentlichkeitsscheue Filmhändler Leo Kirch konnte vor dem Landgericht München einen wichtigen angeblichen Geschäftsabschluss der Haffa-Brüder aus dem Sommer 2000 nicht bestätigen. Mit diesem und einem weiteren Geschäft wollen die beiden Ex-Vorstände belegen, dass die Krise des Unternehmens damals noch nicht absehbar war. Die Haffas sind wegen Kursbetrugs angeklagt, weil sie die schwierige Lage von EM.TV lange verschwiegen und Aktionäre getäuscht haben sollen.

Kirch sagte, der frühere EM.TV-Chef Thomas Haffa habe mit dem Kirch-Sender Pro Sieben die Lieferung von Episoden der TV-Serie "Die Simpsons" vereinbaren wollen. Sein früherer Stellvertreter Dieter Hahn sagte aber, es sei zu keinem Vertrag über das 200-Millionen-DM-Geschäft (gut 100 Millionen Euro) gekommen.

Die Haffas hatten im Dezember 2000 die Finanzmärkte mit einer Gewinnwarnung geschockt, worauf die EM.TV-Aktie um 90 Prozent einbrach. Noch kurz zuvor hatten die Haffas erklärt, EM.TV werde einen Jahresgewinn von 525 Millionen DM erreichen - tatsächlich entstand aber ein Verlust von 2,7 Milliarden DM. Als weitere Gründe für die Krise des Unternehmens gelten überteuerte Zukäufe wie das US-Unternehmen Jim Henson oder der Einstieg bei der Formel 1.

Der 76-jährige Kirch berichtete dem Gericht bei einem seiner seltenen öffentlichen Auftritte, Thomas Haffa sei damals optimistisch gewesen, das Geschäft mit der zu seinem Imperium gehörenden ProSieben abzuschließen. Er habe sich mit EM.TV geeinigt, die "Simpsons"-Episoden aus seinem Filmbestand zu liefern. "Für mich bestand kein Zweifel, dass ich liefern kann", sagte der gescheiterte Medienmogul, der Thomas Haffa als "engen Mitarbeiter und guten Freund" bezeichnete. Haffa arbeitete mehr als zehn Jahre in leitender Funktion bei Kirch, bis er sich 1989 mit dem Unternehmen selbstständig machte.

Bestätigen konnte Kirch dagegen eine Einigung mit Haffa über die Lieferung von Jugendfilmen für 60 Millionen DM in das Gemeinschaftsunternehmen von Kirch und EM.TV, Junior TV. Er habe darüber mit Haffa im Juni 2000 eine mündliche Einigung erzielt. "Für mich wurde der Vertrag vollzogen", sagte Kirch, wenngleich Hahn nur von einer Einigung im Grundsatz berichten konnte. Auch dieses Geschäft hatten die Haffas als Beleg angegeben, dass sie ihre drastisch verfehlte Jahresprognose damals noch für realistisch hielten.

Hahn berichtete weiter, dass EM.TV sehr wohl schon im November 2000 in Schwierigkeiten geraten sei. Das Unternehmen habe damals schon hohe Zinszahlungen für Millionenkredite leisten müssen. Die Haffas hatten im November aber noch erklärt, die Geschäfte liefen gut und es gebe keinen Grund, die Prognosen zu korrigieren.

Der halbblinde Filmhändler Kirch wurde von einer Assistentin in den völlig überfüllten Gerichtssaal geführt. Er lehnte es ab, sich frühere Verträge vorlegen zu lassen, weil er seit 25 Jahren fast erblindet sei und weder Zeitung oder Buch gelesen habe. Sein Auftritt sorgte mehrfach für Heiterkeit mit Bemerkungen wie "Auch Insolvente können noch streiten" oder "Der Thomas Haffa war börsengetrieben, ich war eher programmgetrieben." Das Kerngeschäft von Kirchs Imperium, KirchMedia, hatte im April Insolvenz angemeldet.

Der Abstieg von EM.TV läutete den Anfang vom Ende des Neuen Marktes ein, den die Deutsche Börse im kommenden Jahr nach etlichen Negativ-Schlagzeilen auflöst. Mit der EM.TV-Aktie verloren unzählige Kleinaktionäre viel Geld. Aktionärsschützer rechnen bei einer Verurteilung der Haffas mit besseren Chancen für Schadenersatzklagen, die bislang alle abgelehnt wurden.

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