Zidane wurde gegen England 90 Minuten am Zaubern gehindert – und bewies in der Nachspielzeit seine Klasse
Wenn die Füße sprechen

Zinedine Zidane trug noch sein vom Schweiß durchnässtes Trikot und schritt in Fußballschuhen in den Saal. Als er den Pokal für die Wahl zum besten Spieler des Abends bekam, lächelte er nicht. Er drehte sich um und ging wieder. Christian Vieri, sein früherer Kollege bei Juventus Turin, hat einmal gesagt: "Er spricht zwei Wörter pro Tag." Am liebsten redet Zidane mit seinen Füßen.

HB LISSABON. Am Sonntagabend, im Spiel gegen die Engländer, hatte es ziemlich lange gedauert, ehe der 31-Jährige seine Sprache gefunden hatte. Die Stadionuhr war bereits bei 90:00 stehen geblieben, England führte 1:0, als es in der Nachspielzeit einen Freistoß für die Franzosen gab. David Beckham, wie Zidane einer der Superstars von Real Madrid, hatte zuvor mit einem verschossenen Elfmeter die Chance zur endgültigen Entscheidung vergeben. Auf den Tribünen hielten die Fans sich ihre Fotoapparate vors Gesicht. Blitze zuckten durch das Stadion, als Zidane anlief, der Ball über die Mauer flog und im Netz landete. Nur ein paar Momente danach verwandelte Zidane einen Elfmeter zum 2:1 für Frankreich. "Das war ein Spiel für die Geschichte", sagte er hinterher.

Wer Zidane in den letzten Minuten des Spiels beobachtet hatte, wäre nie auf die Idee gekommen, dass dieser Mann der Begegnung noch eine Wende hätte geben können. Aus seinem Körper sprach Resignation, nicht Überzeugung. Kurz vor der EM hatte Zidane gesagt: "Ich bin jetzt auf dem Gipfel meiner Kunst." Dann aber war in Lissabon neunzig Minuten lang der Fluch des modernen Hochgeschwindigkeits-Fußballs zu sehen gewesen, der den Spielern weder Zeit noch Raum lässt, ihre Kunst zu entfalten. Frankreichs Trainer Santini sagte: "Die Spieler waren eingesperrt in das System." Es ist ein wenig tröstend, wenn am Ende die individuelle Klasse obsiegt; dass ein Zauberer wie Zidane zwar neunzig Minuten am Zaubern gehindert wird, dann aber nur einen Moment braucht, um Gerechtigkeit herzustellen. "Zizou! Zizou", riefen die französischen Fans nach dem Spiel. Die Nationalspieler liefen in alle Ecken des Stadions, sogar die beiden Ersatztorhüter ließen sich feiern. Zidane, der all das ausgelöst hatte, war längst in der Kabine verschwunden.

Seit der WM 1998 ist Zidane, der Sohn algerischer Einwanderer, der Held von Frankreich. Eigentlich war die WM kein gutes Turnier für ihn gewesen. Gegen Saudi-Arabien hatte er nach einer Tätlichkeit die Rote Karte gesehen, im Finale aber, beim 3:0 gegen Brasilien, erzielte er die beiden ersten Tore. Es waren keine schönen Tore, Zidane hatte einfach zwei Eckbälle ins Netz geköpft. Man wird in seinem Spiel immer wieder Momente der Schönheit entdecken - was ihn wirklich auszeichnet, ist seine Zielstrebigkeit. Die Unterschiede zwischen dem Zauberer und dem scheuen Privatmann, der am Stadtrand von Madrid ein besseres Reihenhaus bewohnt, sind vielleicht gar nicht so groß. Zidane fährt keine schnellen Autos, es gibt keine Frauengeschichten von und mit ihm. Zidane ist der einzige Star des Weltfußballs, der sich allein durch sein Spiel abhebt und nicht durch das Drumherum eines überdrehten Geschäfts. Zinedine Zidane hat es nie anders gewollt.

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