Ziege in Rostock Kapitän
WM-Test wird zur Farce: Völler erhält 14 Absagen

Das Länderspiel gegen die USA droht zur Farce zu verkommen - ein Muster ohne Wert ist es schon vor dem Anpfiff. Nach der Absage von drei weiteren WM-Kandidaten läuft am Mittwoch (20.45 Uhr/ARD live) im ausverkauften Rostocker Ostsee-Stadion eine deutsche Nationalmannschaft auf, die in dieser Zusammensetzung mit der WM-Elf nichts zu tun haben wird.

dpa ROSTOCK. Am Dienstag erhöhten Miroslav Klose, Lars Ricken und Marco Bode die Ausfallliste im Kader des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) auf rekordverdächtige 14 Spieler. In seiner Not sah sich Teamchef Rudi Völler genötigt, mit Neuling Thomas Brdaric von Bayer Leverkusen und dem Hamburger Verteidiger Ingo Hertzsch zwei durchschnittliche Bundesliga-Spieler ohne WM-Perspektive nachzunominieren.

Angesichts immer neuer Hiobsbotschaften fiel es sogar dem sonst immer beschwichtigenden Völler schwer, weiterhin gute Miene zum bösen Spiel zu machen. "Ehrlich gesagt, 14 Ausfälle sind natürlich ein bisschen viel", unterdrückte er nur mit Mühe seinen Ärger. Nicht nur der personelle Notstand verstimmte den Teamchef, sondern auch der Zustand des noch zur Verfügung stehenden Personals. Der sei so bedenklich, dass die Rumpfmannschaft kein einziges ernst zu nehmendes Training machen konnte, sondern sich mit Bewegungstherapie über die spielfreien Tage schleppte.

"Bis auf Christian Wörns und Jens Nowotny sind alle so angeschlagen, dass sie wirklich nicht spielen können", stemmte sich Völler erneut gegen den Verdacht, im WM-Kader gebe es Drückeberger. Dagegen ließ Interims-Kapitän Christian Ziege, mit 63 Länderspielen dienstältestes Kader-Mitglied, Zweifel an der Einstellung einiger Kollegen durchblicken. "Die Frage muss man jedem Einzelnen stellen. Dabei will ich es belassen", sagte der Tottenham-Legionär, der zum ersten Mal in seinem Profi-Leben eine Mannschaft als Kapitän aufs Feld führen darf. "Er hat es verdient", sagte Völler.

Die Personalnot sorgt aber auch für andere einmalige Experimente. Plötzlich gehört auch wieder Oliver Bierhoff zur ersten Wahl in Deutschland, obwohl der 33-Jährige nach monatelanger Torflaute selbst bei seinem Club AS Monaco nur noch Gelegenheitsarbeiter ist. Völlers Ankündigung, dass Bierhoff seinen Platz im WM-Aufgebot bereits sicher habe, kam deshalb am Dienstag umso überraschender. "Er wird dazu gehören, unabhängig von seinen Einsätzen in Monaco", stellte Völler dem Ex-Kapitän einen Freifahrtschein erster Klasse aus. Bierhoff will nach der WM seine Länderspiel-Karriere definitiv beenden, möglicherweise auch auf Vereinsebene aufhören: "Es könnte sein, dass Schluss ist."

Eine unverhoffte Bewährungschance erhält auch Frank Baumann. Der Bremer Abwehrchef, in der Nationalmannschaft bisher nie über die Rolle des Notnagels hinausgekommen, soll nun den völlig neu formierten Abwehrblock zusammenhalten. Der lange Zeit verletzte Münchner Jens Jeremies steht erstmals seit fast genau einem Jahr wieder in der Anfangsformation, obwohl er noch weit von der Form früherer Tage entfernt ist. Im Tor dürfen Hans-Jörg Butt (Leverkusen) und Frank Rost (Werder Bremen) je eine Halbzeit ran, um die Nummer drei im deutschen WM-Tor auszuspielen. Dem nachnominierten Brdaric stellte Völler als Lohn für sein Vier-Wochen-Hoch ein Länderspiel- Debüt in der zweiten Halbzeit in Aussicht. Sogar Hertzsch, selbst beim Durchschnittsclub HSV nur Mitläufer, habe "ganz, ganz kleine WM- Chancen".

"Wir haben auch eine Verpflichtung gegenüber den Zuschauern im Stadion und den Fans am Fernseher", versuchte der Teamchef trotz aller Widrigkeiten, Spannung im Rumpfteam aufzubauen. Gerade gegen die USA hat die deutsche Mannschaft diese Verpflichtung zuletzt zwei Mal sträflich vernachlässigt. 0:3 und 0:2 hieß es vor drei Jahren in Jacksonville/Florida und beim Konföderationen-Pokal in Mexiko. Beide Male bot eine Verlegenheitsauswahl eine desolate Vorstellung gegen einen hochmotivierten Gegner - beide Male gab es danach Wochen lange Diskussionen, ob sich eine deutsche Fußball-Auswahl derart desaströs präsentieren darf.

Auch diesmal lauert die größte Gefahr darin, dass der in den Relegationsspielen gegen die Ukraine sowie beim jüngsten 7:1- Kantersieg gegen Israel erworbene Kredit verspielt wird. "Die Amerikaner sind eine gut eingespielte Mannschaft. Das wird eine ganz schwierige Kiste", prophezeite Völler mit dem Hinweis, dass die US- Boys bei sieben Testspielen in diesem Jahr nur vor sechs Wochen in Italien (0:1) als Verlierer vom Platz gegangen waren. Und auch Bierhoff warnte: "Amerika wird nicht so schwach sein wie Israel."

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