Ziel: Weltmeister werden, nicht wieder Zweiter
Brasilien: Strenger Familienvater auf Erfolgskurs

In Brasilien gelten die Gaúchos aus dem Süden als harte Machos. Die von italienischen und deutschen Einwanderern abstammenden Brasilianer aus den Pampas im Grenzgebiet mit Uruguay, Paraguay und Argentinien sind unbrasilianisch direkt.

HB SAO PAULO. Bei ihnen existiert das Wort "Nein" nicht nur im passiven Wortschatz wie sonst im Land. Es heißt, sie seien autoritär, aber auch diszipliniert. Vermutlich haben die Gaúcho-Eigenschaften eine Rolle gespielt, als der brasilianische Fußballverband Mitte letzten Jahres den 53-jährigen Luiz Felipe Scolari als Trainer der Seleção engagierte. Zuvor waren allein im Jahr vor der Copa 2002 drei glücklose Vorgänger durchgefallen. Brasilien drohte damals bereits in den Vorqualifikationen für die WM in Südamerika zu scheitern. Nur mit Mühe gelang es Scolari in einer Zitterpartie bis zum Ende die Brasilianer für die Weltmeisterschaft zu qualifizieren.

Doch von Spiel zu Spiel baute der leicht aufbrausende und gegenüber der Presse oft mürrische Trainer seine "Familie" - so nennt er seine Auswahl - auf. Dabei ließ er sich von niemandem reinreden, was nicht immer einfach war: Vor allem als Scolari den Stürmerstar Rómario wegen dessen mangelnder Disziplin kurzerhand aus der Auswahl schmiss. 70 Prozent der Brasilianer wollten den Altmeister, der in den Qualifizierungsrunden und beim Titelgewinn 1994 als wertvoller Torjäger aufgetreten war, aber beim Fiasko vor vier Jahren in Frankreich gefehlt hatte, wieder in der WM-Auswahl sehen. Doch selbst als Staatspräsident Fernando Cardoso und Verbandschef Ricardo Teixeira Druck machten und Rómario sich tränenreich entschuldigte und ums Mitspielen bettelte, ließ Scolari sich nicht umstimmen.

Disziplin und Teamgeist

Seinen Spielern gab er damit ein klares Zeichen: Disziplin und Teamgeist gehen vor, geniales Spieltalent entschuldigt keine Eskapaden. Der Trainer führt seine Truppe mit eiserner Hand. So dürfen die Kicker-Millionäre beispielsweise täglich höchstens eine Stunde lang nach Hause telefonieren - zu genau festgelegten Zeiten.

Die Fans konnte Scolari mit seiner Spielerauswahl aber nicht überzeugen. Der Coach setzte nicht nur auf die bekannten Stars, die meist in Europa unter Vertrag stehen oder aus den reichen Klubs in Rio de Janeiro und São Paulo stammen. Stattdessen stellte er eines der Teams mit dem jüngsten Durchschnittsalter der Copa zusammen. Nur sieben Spieler haben bereits für Brasilien bei einer WM gespielt. Neben zwölf in Europa unter Vertrag stehenden Profis - darunter Ronaldo, Lúcio, Roberto Carlos, Cafu, Roque Junior, Rivaldo oder Ronaldinho Gaúcho - berief Scolari auch Spieler aus dem Süden und Nordosten Brasiliens wie Gilberto Silva, Vampeta oder Anderson Polga - Namen, zu denen auch brasilianischen Fans nicht viel einfällt.

Hoch gepokert

Vor allem mit der Nominierung des bei Inter Mailand spielenden Ronaldo, der in Brasilien nur Ronaldinho genannt wird, pokerte Scolari hoch: Der 1996 und 1997 zum weltbesten Spieler gekürte Star hat seine Verletzungsserie erst dieses Jahr beendet. Und bis heute wird Ronaldinho die Hauptschuld daran gegeben, dass Brasilien vor vier Jahren den WM-Titel im Finale noch an Frankreich verlor.

Die Brasilianer sahen deshalb vor Beginn des Turniers selbst wenig Chancen, dass ihre Mannschaft "Pentacampeão" werden, also zum fünften Mal den Titel gewinnen könnte. Auch Scolari brummelte noch wenige Wochen vor der WM, dass Brasilien mit dem Einzug ins Halbfinale bereits viel erreicht hätte. Grund für den Pessimismus war die tiefe Krise, in dem der brasilianische Fußball steckt: Auf dem Verband lasten Korruptionsvorwürfe und die Vereine gelten als Geldmaschinen, die die Spieler in mehreren parallelen Meisterschaften aussagen, wo sie nur können. Die Profis des Landes müssen inzwischen so häufig antreten, dass sie immer weniger den schönen Fußball spielen können, für den sie bekannt sind. Wer kann, versucht sein Glück im Ausland - vor allem in Europa. 600  brasilianische Profis sollen außerhalb der Landesgrenzen spielen.

Pessimismus verflüchtigt

Doch nach den Vorrundensiegen gegen die Türkei, China und Costa Rica hat sich der Pessimismus weitgehend verflüchtigt. Elf Tore erzielten die Brasilianer - bei nur drei Gegentoren. "Was mosert ihr denn immer an unserer Strategie herum", herrschte Scolari daher vor dem heutigen Achtelfinalspiel gegen Belgien (13.30 MESZ) die zahlreichen mitgereisten Pressevertreter an. Diese hatten zuvor die Abwehrschwäche ihrer Elf kritisiert und den Sieg in der Vorrundengruppe C vor allem mit der Schwäche der Gegner erklärt. Auch Superstar Ronaldo glaubt, dass die heutige Partie nur eine Durchgangsstation auf dem Weg zum Endspiel ist: "Wenn wir so weiter spielen, fällt es nicht schwer, an das Finale zu glauben."

Gewinnt Brasilien heute, dann dürfte Scolari endgültig die letzten Zweifler überzeugt haben. Doch gleichzeitig wächst der Druck auf den Trainer und seine "Familie". Denn wenn 165 Millionen Brasilianer an den fünften Titelgewinn ihrer Mannschaft glauben, wäre alles andere eine herbe Enttäuschung. Vizeweltmeister, so wie vor vier Jahren in Frankreich, will man nicht wieder werden.

Alexander Busch
Alexander Busch
Handelsblatt / Korrespondent Südamerika
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