Ziele der Leerverkäufer
Spekulanten nehmen neue Opfer ins Visier

Lange Zeit waren es Telekomwerte und Unternehmen mit unsauberen Bilanzierungsmethoden, die so genannte Shortseller auf den Plan riefen. Jetzt suchen sie sich neue Opfer. Die immer noch hoch bewerteten Titel aus den Bereichen Nahrungsmittel und Luxusgüter scheinen dabei auf der Liste ganz oben zu stehen.

HB DÜSSELDORF. Auf zum fröhlichen Jagen - nach dieser Devise gehen nun schon seit Monaten professionelle Leerverkäufer an der Börse auf Pirsch. Ihre Methode: Sie leihen sich Aktien von institutionellen Anlegern und verkaufen die Stücke umgehend "leer", wie es so harmlos im Fachjargon klingt, an der Börse - in der Hoffnung, die ausgeborgten Stücke nach ein paar Tagen oder Wochen wieder billig am Markt einsammeln zu können.

Bevorzugtes Ziel der Spekulanten waren bislang Unternehmen die durch Bilanzskandale oder Meldungen über finanzielle Schwierigkeiten in den vergangenen Wochen von sich reden machten. Deren Notierungen fielen wie abgeschossen in sich zusammen. Dabei spielte es oft kaum eine Rolle, ob sich die erhobenen Vorwürfe am Ende als zutreffend erwiesen oder nicht.

Welle nach Europa übergeschwappt

Lange Zeit konzentrierte sich das Geschehen vorwiegend auf die USA, wo Fälle wie Enron und Worldcom die Finanzmärkte bis ins Mark erschütterten. Spätestens mit Vivendi schwappte die Skandal-Welle dann nach Europa herüber. Und mit Merck droht nun ein zweiter Brecher gleich hinterher zu kommen.

Wie sieht nun der typische Abschusskandidat aus, den es als nächstes treffen könnte? Eine pauschale Antwort ist schwer möglich. Typisch ist jedoch, dass er auch nach den Kursrückgängen der vergangenen Jahre eine immer noch hohe Bewertung aufweist und häufig ein Transparenzproblem hat. Das können unklare Jahresberichte genauso wie ein schwer verständliches Geschäftsmodell sein - wie etwa beim Versicherungsmakler MLP, dessen Aktien regelmäßig in das Visier von Leerverkäufern geraten. In der derzeitigen Stimmungslage reicht es aber auch schon für ein Unternehmen aus, unübersichtlich gegliedert zu sein, um negativ auf sich aufmerksam zu machen. Beispiele sind die US-Industrieholdings Tyco oder General Electric. Hinzu kommen oftmals charismatische, aber aggressive Konzernlenker, die durch Aktienoptionsprogramme dazu verleitet werden, den Unternehmenswert um jeden Preis nach oben zu treiben - manchmal allerdings auch nur zu reden. Und zuletzt kann allein ein größerer Streubesitz der Ausgangspunkt für eine rapide Talfahrt des Kurses sein.

SAP erstaunlich hoch bewertet

Eine Aktie mit nach wie vor erstaunlich hoher Bewertung ist SAP. Das Unternehmen gilt freilich als transparent und seine Geschäftsberichte sind - verglichen etwa mit denen von MLP - sehr aussagekräftig. Die Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre (SdK) lässt dennoch Skepsis erkennen. Für SdK-Experte Markus Straub ist beispielsweise die personelle Verflechtung ein Minuspunkt. SAP-Gründer und Großaktionär Dietmar Hopp ist bei beiden Unternehmen im Aufsichtsrat. Für Straub ist SAP zwar ein ordentliches Unternehmen, er fragt sich aber, ob die deutsche Software-Schmiede tatsächlich allen Problemen trotzen kann, vor denen derzeit die Branche steht. Den US-Konkurrenten wie Oracle und Siebel gelinge dies offenbar nicht. Nimmt man hinzu, dass die Anleger bei SAP eine hohe Erwartungshaltung haben und Aktionoptionsprogramme eine große Rolle spielen, scheint der Kurs nicht unbedingt auf sicheren Füßen zu stehen.

Aktien mit sehr hoher Bewertung finden sich unter den US-Titeln häufiger als in Europa. Doch in der alten Welt droht etwa Siemens und Philips nach Meinung von Pia Hellbach, Fondsmanagerin bei Union Investment, eine andere Gefahr: Sie könnten wegen ihrer Konzernstruktur als Konglomerate unter Druck geraten. Gefährdet seien auch die Telekom-Unternehmen wie Alcatel und Ericsson. Für die gesamte Branche sieht sie wenig Auftrieb - aber auch nicht mehr viel Abstiegspotenzial.

Die neuen "Problemkinder" könnten Konsum- und Luxuswerte werden. "Wie soll man ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von rund 40 bei L?Oréal rechtfertigen?" fragt Hellbach. Hier deute sich eine "defensiven Kursblase" an.

Auch Sy Schlueter, Chef der Hedge-Fund-Gesellschaft CAI in Frankfurt, sieht einen Wechsel der Schussrichtung: Nach den Telekomwerten seine jetzt die überbewerteten Titel im Bereich Nahrungsmittel, Getränke, Konsum dran. Neben L?Oréal seien das Titel wie Nestlé oder Diageo. Er glaubt, dass die Kurse dieser vermeintlich defensiven Aktien heftiger nachgeben könnten, als sich das konservative Anleger zurzeit vorstellen.

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