Ziele stehen für amerikanischen Lebensstil
Die Logik hinter den Terroranschlägen

Terroristen greifen in den Vereinigten Staaten nur scheinbar willkürliche Ziele an: die Zwillingstürme des World Trade Centers, ein Postzentrum in New Jersey, das Pentagon, Nachrichtensprecher Dan Rather und die Zeitung "National Enquirer".

ap WASHINGTON. All diese Ziele haben nur gemeinsam, dass sie als Symbol für die USA und ihren Lebensstil stehen. Das macht die Vermeidung künftiger Anschläge schwierig; Experten gehen jedoch davon aus, dass eine Logik hinter den Anschlägen steckt. "Ein Terrorist ist wie ein Spekulant, er investiert hier und da", sagt Stephen Gale, Professor für Psychologie an der Universität von Pennsylvania. "Vieles rentiert sich nicht, aber dann kommt der große Zahltag: 20 Männer, ein paar hunderttausend Dollar schaffen 6 000 Tote und 300 Mill. Menschen in Angst." Die Ermittler haben bislang noch keine Verbindung zwischen den Infektionen mit den gefährlichen Milzbrand-Erregern und den Attentaten vom 11. September gefunden. Wenn es diese Verbindung aber gebe, sagt Gale, könne ein Interview mit dem mutmaßlichen Terroristenführer Osama bin Laden dessen Motivation enthüllen.

"Wir sagen einen schwarzen Tag für Amerika voraus", erklärte Bin Laden 1998 dem US-Fernsehsender ABC. "Statt die Vereinigten Staaten zu bleiben, werden sie auseinander fallen, so Gott will." Die Idee, die 50 US-Staaten könnten sich auslösen, mag absurd klingen-sie könnte aber die Angriffsziele der Terroristen erklären. Der Luftverkehr, das gefeierte Symbol der amerikanischen Mobilität, ist seit dem 11. September eingebrochen. Der Postverkehr, eines der wichtigsten Kommunikationsmittel des Landes, wird behindert von der Angst vor Milzbrand. Der Angriff auf die Post ist nach Ansicht der Kommunikationsexpertin Joan Deppa logisch: Zunächst seien die Mittel der Fortbewegung attackiert worden, dann die Übermittlung von Informationen.

Die teilweise Schließung des Kongresses behindert die Arbeit der Regierung. Die Bedrohung dehnte sich am Dienstag auf die Präsidentschaft aus, als Anthrax-Erreger in einer Poststelle des Weißen Hauses gefunden wurden. Diese liegt allerdings mehrere Kilometer vom eigentlichen Präsidentensitz entfernt.

Auch Nachrichtensprecher mehrerer Fernsehsender waren Ziel der Milzbrand-Anschläge, für Medienexperten nicht überraschend. "Die Aufgabe des Nachrichtensprechers besteht darin, den Zuschauer zu beruhigen", sagt der Professor für Kommunikation, Robert Lichter. "Wenn man ihn erschüttert, erschüttert man auch den Zuschauer."

Warum das Pentagon, militärisches Herz der Großmacht USA, und das World Trade Center als Symbol des Kapitalismus Ziel der Terroranschläge wurden, ist offensichtlich. Weniger klar scheint, warum ausgerechnet ein Verlagshaus in Florida attackiert wurde, das Boulevardzeitungen herausgibt. "Den meisten Amerikanern ist es egal, dass "The Sun', der "Globe' und der "National Enquirer' der American Media Inc. gehören", sagt Deppa. "Aber denken Sie daran, wie der Name auf El Dschasira (den arabischen Fernsehsender) wirkt." Auch die Themen der zugehörigen Zeitungen könnten für Terroristen von Interesse sein. "Sie sind gefüllt mit Sex und Drogen, Skandalen, all den Dinge, die die amerikanische Gesellschaft sündig und schlecht scheinen lassen", erklärt Deppa.

Großunternehmen sind nach Ansicht des Sicherheitsberaters Robert Littlejohn bislang nicht von Milzbrand betroffen, weil sie schon seit längerem strenge Kontrollen anwenden. Journalisten und Politiker können dagegen den Kontakt mit möglicherweise infizierter Post sehr viel schwerer vermeiden. Was für Littlejohns Kunden Warnsignale sind - handgeschriebene Adressen, verschmutzte Umschläge - gehört für Politiker zum Alltag.

Auch Experten wollen nicht darüber spekulieren, welche Ziele Terroristen als nächstes angreifen könnten. Die Behörden müssen jedoch schon jetzt Sicherheitsmaßnahmen ergreifen. Als Ziel für einen Terroranschlag kommt auch Hollywood in Frage, das nach Ansicht islamischer Fundamentalisten unmoralische Botschaften verbreitet. Ein Angriff auf die Viehwirtschaft könnte zu einer Isolation der Einzelstaaten führen. "Ein Ausbruch der Maul- und Klauenseuche würde bedeuten, dass Polizisten die Grenzen bewachen", erklärte Gale. Auch der Anschlag auf eine Minderheit wird nicht ausgeschlossen. Terroristen könnte es so aussehen lassen, als hätten örtliche Extremisten das Attentat verübt.

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