Zigtausende Jobs in der Bankindustrie gingen verloren
Einfach mal nachdenken

Viele Investmentbanker haben genug von den chromglitzernden Aufzügen der Londoner City und suchen sich neue Aufgaben. Zum Beispiel als Klempner.

LONDON. So hat sich Harry Daswani seinen Chefs bei der Deutschen Bank früher bestimmt auch präsentiert. Der 25-jährige, schlanke Brite setzt sich noch etwas gerader auf den Stuhl und zieht ein Papier mit den Notizen aus einer Kladde. Dann erklärt er mit kräftiger Stimme in schnellen Worten, wie er zu seinem neuen Projekt gekommen ist. Erst habe er wochenlang den Markt studiert, dann ein halbes Jahr einem Profi bei der Arbeit über die Schulter geschaut. "Jetzt aber, jetzt werde ich den Markt aufmischen." Denn der sei fragmentiert und warte förmlich auf Leute wie ihn. Nun ist Daswani in Fahrt: Er spricht über Markt-Potenziale, Franchising und fast 2,5 Millionen potenzieller Kunden. Alle paar Sätze schließt er mit: "Sie sind noch bei mir?"

Harry Daswani hat noch immer große Ziele. Auch wenn er schon seit fast einem Jahr nicht mehr als Investmentbanker beim größten deutschen Kreditinstitut arbeitet. Ihm geht es wie unzähligen anderen Kollegen in der City: Der alltägliche Strom der Banker ins Büro findet ohne ihn statt, die Krawatte trägt er nur noch auf Familienfeiern. Und niemand schaut ihn komisch an, wenn er sein Büro schon nach elf Stunden verlässt.

Auch der Arbeitsplatz hat sich verändert: Daswani logiert in einem Bungalow, hier steht die Luft, die Wände sind grün. Er sitzt in einem Hinterhof irgendwo im Norden Londons, weit entfernt von den chromglitzernden Aufzügen der City. Der einstige Banker arbeitet heute als Klempner, er ist Teil der Vertriebskette "Drain Doctor", die sich auf Abflussreinigung spezialisiert hat: wenig Prestige, harte Arbeit.

Seit Anfang des neuen Jahrhunderts hat London Zigtausende Jobs in der Bankindustrie verloren. Die Investmentbanken hat es am härtesten getroffen; dort, wo diejenigen arbeiten, die sich für besonders erfolgshungrig und smart halten. In immer schnelleren Entlassungswellen haben die Institute ihre "High-Potentials" auf den Markt zurückgeworfen. Und dort stehen sie nun, wie bestellt und nicht abgeholt. Anfangs haben viele auf ein schnelles Comeback gehofft. Doch im vierten Jahr des Abschwungs herrscht Depression. "Machen wir uns nichts vor: Der Markt bleibt schwach", sagt Oliver Dent vom Headhunter Longbridge International.

Daswani ereilte der Rauswurf im September. "Erfreut und geschockt zugleich" sei er gewesen, nur überrascht war er nicht. Ein halbes Jahr vorher hat er in der U-Bahn eine Anzeige gesehen, die für Rechtshilfe beim Rausschmiss warb. Bereits damals notierte er sich die Nummer, weil er so eine Ahnung hatte. Bei der dritten Welle traf es ihn.

Aber längst nicht alle von denen, die jetzt gehen, werden dazu gezwungen. Für einige kommt die Entlassungswelle wie gerufen, denn je mehr Geld die Banker in den vergangenen Jahren verdient haben, umso ausgebrannter fühlen sich viele. "Die Neigung von Bankern, mit einem Sabbatical auszusteigen, ist spürbar gewachsen", sagt Headhunter Dent - auch wenn keine konkreten Zahlen vorliegen. Gut ein halbes Dutzend hochprofilierter Banker hat sich jüngst ins Sabbatical verabschiedet. Robert Hingley etwa, Leiter des deutschen Investmentbankings der Citibank: Er will Geschichte studieren; genau wie Nicholas Draper, Ex-Chef des M&A-Geschäfts von JP Morgan Europa. Morgan-Kollege Andrew Gordon-Brown - er gilt als einer der besten Medien-Analysten der City - arbeitet bald als Lehrer. Und Lawton Fitt, hochdekorierte IPO-Managerin von Goldman Sachs, ist die erste weibliche Sekretärin der Royal Academy of Arts.

Doch auch in den USA werfen viele Hochkaräter die Brocken hin. John Thornton von Goldman Sachs kündigte vor wenigen Wochen seinen Ausstieg an. Und erst vor einigen Tagen folgte ihm sein Kollege E. Scott Mead, der legendäre Dealmaker hinter der Mannesmann-Übernahme. Er denkt daran, Politiker zu werden.

Über ihre neuen Leidenschaften reden die Ex-Banker öffentlich nicht so gerne, wohl auch deshalb, um sich den Rückweg nicht zu verbauen. Einer von ihnen erklärt, er habe in den "vergangenen Jahren viel zu wenig Zeit gehabt, einmal anzuhalten und nachzudenken". Der Banker in den Mittvierzigern hat sich deshalb jetzt eine Auszeit genommen - erst einmal ein Jahr.

Daswani, der sein Studium an der Londoner Universität wegen seiner guten Leistungen zur Hälfte gesponsert bekam, würde mittlerweile gar nicht mehr zurückgehen wollen. "Was ist, wenn ich als Investmentbanker mit 35 wieder entlassen würde? Wenn ich eine Frau und zwei Kinder hätte und eine Hypothek abbezahlen müsste?" Sicherheit, das weiß Daswani, kann er in Investmentbanken nicht erwarten. "Ich hoffe, das klingt jetzt nicht arrogant, aber dafür bin ich mir zu gut", sagt der Jung-Klempner, über dessen Schreibtisch ein riesiges Porträt eines Hindu-Gottes mit weißem Bart hängt. Jetzt, sagt er und bleckt die Zähne, hofft er eben als Klempner auf das große Geld. Sein Leben lang will er aber nicht den jetzigen Job machen. "In fünf Jahren habe ich das nebenbei laufen."

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