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Zikaden-Invasion: Millionen Glubschaugen starren aus Büschen

Washington (dpa) - Lautlos sind sie zu hunderttausenden aus ihren Erdlöchern gekrochen. Überall liegen leere Puppenhüllen herum. Es knirscht unter den Schuhsohlen. Wer in diesen Tagen in der US- Hauptstadt Washington und Umgebung in seinem Garten die Zierbüsche in Augenschein nimmt, wird aus zig blutroten Glubschaugen unverwandt angestarrt. Die gefürchtete Zikaden-Invasion hat begonnen, die größte seit 17 Jahren, und die Einwohner richten sich je nach Gemütslage auf einen faszinierenden oder gruseligen Frühsommer ein.

«Guck mal, wie süß, der ist gerade erst geboren», meint David (6) in Bethesda außerhalb von Washington verzückt und präsentiert stolz eines der gut zwei Zentimeter langen Insekten auf der Hand. «Das ist ja gar nichts, wir haben in unserem Garten viel mehr, und ich habe drei in einem Glas eingefangen», protzt Liam (10).

Die Kinder sind fasziniert, die Eltern inspizieren jedoch schon mit böser Vorahnung ihre Terrassen. Wer seinen Sonnenschirm öffnet, kann eine schaurige Überraschung erleben. Dutzende der gerillten braunen Hüllen fallen zu Boden. Daran hängen noch die Füße, grotesk in alle Richtungen gebogen.

Seit Wochen bereiten Insektenforscher die Einwohner in der Osthälfte der USA auf die Zikaden-Invasion vor. Die Insekten mit dem typischen Zirpen lauer Sommerabende kommen in jedem Jahr, doch schlägt in diesem Jahr die Stunde der zahlenmäßig besonders großen «Brut X». Sie taucht nur alle 17 Jahre aus dem Erdreich auf. Das X steht für die römische Zahl zehn, nach einem System, das ein Agrarbeamter im 19. Jahrhundert einführte.

Die Biologen rechnen mit bis zu 1,5 Millionen Zikaden auf 4000 Quadratmetern. «Die tun keinem weh und richten eigentlich keinen Schaden an», beschwichtigt Insektenforscher Ed Lewis von der Hochschule in Virginia. «Ein seltenes und faszinierendes biologisches Phänomen.» Die Zikaden wollen in ihrem zwei- bis vierwöchigen Leben eigentlich «nur das eine». Doch können sie mit ihrem Paarungsritual den Menschen in dieser Zeit das Leben zur Hölle machen.

Besonders nervig ist das Zikaden-Männchen. Mit seinem Zirpen will es die Weibchen betören. Für Zuhörer, die seinem Charme nichts abgewinnen können, ist das ein Albtraum, vor allem, wenn es im Chor mit Abermillionen anderen die Stimme hebt. Wie die Geräuschkulisse in einem Science-Fiction-Thriller klinge das, erzählen Leute, die die Zikaden-Invasion vor 17 Jahren miterlebten.

Auf manchen Büschen in den Washingtoner Vororten sitzen die Viecher schon zu hunderten und scheinen ihr kurzes Leben nach 17 Jahren unter der Erde noch gar nicht fassen zu können. Regungslos verharren die bläulich-schwarzen Körper, die roten Augen scheinbar starrend auf den Beobachter gerichtet. Die Glasflügel sind angelegt.

Doch wehe, wenn genügend Artgenossen zum Leben erwacht sind. Dann schwirrt die Luft mit den Insekten, die viel vom Paaren, aber wenig vom Fliegen verstehen. Zusammenstöße sind vorprogrammiert. Kenner der letzten Invasion haben sich bereits mit Tennisschlägern und Fliegenklatschen gewappnet, um sich die Viecher vom Leib zu halten.

Wenn die Weibchen ihre Eier einmal in Baumrinden abgelegt haben, ist das Leben der Zikaden zu Ende. Ein Weibchen legt bis zu 400 Eier, aus denen in sechs Wochen die kleinen Puppen schlüpfen, zu Boden fallen und sich eingraben. Ihre Stunde schlägt im Jahr 2021.

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