Zins-Spielräume vorhanden
Issing: EZB hat ihr Pulver noch nicht verschossen

Der jüngsten Zinssenkung der Europäischen Zentralbank (EZB) kann nach den Worten von EZB-Chefvolkswirt Otmar Issing prinzipiell eine weitere folgen.

Reuters FRANKFURT. Selbst die US-Notenbank Fed und die Bank von Japan hätten noch Handlungsspielraum, sagte Issing nach einer Vorabmeldung vom Monat dem Magazin "Capital". "Da kann niemand behaupten, die Europäische Zentralbank habe ihr Pulver verschossen." Allerdings räumte er ein, dass niedrigere Zinsen den Spielraum im Falle einer Krise einschränken. "Je niedriger die Zinsen sind, desto schwieriger wird ein Krisenmanagement."

Die EZB hatte in der vergangenen Woche den Schlüsselzins in der Euro-Zone um 50 Basispunkte auf 2,75 % reduziert und damit den rückläufigen Inflationsgefahren angesichts der trüben Wachstumsaussichten Rechnung getragen. In den USA liegt der Leitzins nur noch bei 1,25 %, nachdem die US-Notenbank ihn ebenfalls um einen halben Prozentpunkt gesenkt hatte. In Japan liegt der Schlüsselzins faktisch bei Null.

Nach der kräftigen Zinssenkung in der Euro-Zone ist fraglich, ob die EZB die Leitzinsen nun auf längere Sicht für angemessen hält oder im kommenden Jahr die Zinsschraube weiter lockern wird. EZB-Präsident Wim Duisenberg hatte nach der Zinssenkung erklärt, die Notenbank habe mit ihrer Entscheidung reinen Tisch machen wollen. Darüber hinaus hatte er Formulierungen vermieden, die weitere Zinssenkungen ausschließen würden. Issing gab zu erkennen, dass die EZB zumindest in der nächsten Zeit keine weitere geldpolitische Lockerung in Betracht zieht: "Wir machen nicht einen Schritt, und überlegen schon, wie der nächste aussehen könnte."

Der EZB-Chefvolkswirt trat im Gespräch mit "Capital" abermals der Sorge entgegen, in der Euro-Zone könne ein konjunkturschädlicher Rückgang des Preisniveaus auf breiter Front einsetzen. Es gebe zwar ganz geringfügige Ähnlichkeiten mit der Weltwirtschaftskrise von 1929, doch manche Ökonomen und Medien entwickelten übertriebene Krisenszenarien. "Wir haben im Gegensatz zu damals (aber) keinen generellen Rückgang der Preise, sondern nur einen auf einzelnen Märkten - das ist durchaus normal", sagte Issing. Außerdem hätten Wirtschaftspolitiker und Notenbanker die Lektion von damals gelernt. "Sollte eines Tages wirklich Deflation drohen, werden sie nicht die Fehler von damals wiederholen."

Mit Blick auf die Ertragseinbrüche der deutschen Banken trat Issing dem Eindruck entgegen, die Lage gleiche einer Bankenkrise. "Die deutschen Finanzinstitute weisen zweifellos Schwächen auf. Die Bankenlandschaft ist überbesetzt. Das hat die Gewinne geschmälert - aber niemanden an den Rand der Liquiditätskrise geführt." Solche Gerüchte seien im angelsächsischen Raum gestreut worden, "wohl aus durchsichtigen Gründen".

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