Zinsen
Analyse: Schwierige Diagnose

Die Begründung der amerikanischen Notenbank Fed für ihren jüngsten Zinsbeschluss ist alles andere als beruhigend: Zeitpunkt und Ausmaß der Erholung der US-Wirtschaft bleiben ungewiss; Deflation ist nicht mehr auszuschließen. Wer gehofft hatte, dass die Notenbank nach dem Ende des Irak-Kriegs wieder sicherer auftreten würde, sieht sich enttäuscht. Der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB), der heute in Frankfurt tagt, dürfte ähnlich unsicher sein wie die Amerikaner.

Über allem schwebt die Frage, ob in den USA die Investitionen anspringen, ehe die Konsumnachfrage einbricht. Die Fed hat darauf lange spekuliert, indem sie mit immer weiteren Zinssenkungen den privaten Konsum angeheizt hat. Pessimisten befürchten, dass diese Rechnung nicht aufgeht und die Kehrseite der Fed-Politik, die enorme Verschuldung der privaten Haushalte, die US-Konjunktur nach unten ziehen wird. Noch wichtiger für den weiteren Verlauf der Weltwirtschaft wird sein, wer die Führung übernimmt, wenn die USA als Konjunkturlokomotive ausfallen. Japan und Europa, insbesondere Deutschland, haben ihre Hausaufgaben in Sachen Strukturreform noch längst nicht in ausreichendem Maße gemacht und sich von den Amerikanern ziehen lassen.

Mit einer kränkelnden US-Konjunktur schwänden damit auch die Aussichten auf eine rasche Belebung der europäischen Wirtschaft. Unternehmen und Anlegern drohten gleich mehrfache Belastungen: Zu den Folgen einer schlechten Wirtschaftspolitik kämen verringerte Exportmöglichkeiten auf Grund von Nachfrageausfall. Verstärkt würde dies durch den teureren Euro. Damit nicht genug: Wer in amerikanische Unternehmen investiert hatte, hat durch den Aktienkursverfall dort bereits enorme Verluste erlitten. Mit der Abwertung der US-Währung verlieren die in Dollar denominierten Titel weiter an Wert. All das müsste erst einmal verkraftet werden. Und wie reagieren darauf die Finanzsysteme? Bisher haben sie sich als robust erwiesen, die Institute ihre Reserven aber weitgehend aufgezehrt.

Die Notenbanker, die eine vorausschauende Geldpolitik betreiben sollen, sind nicht zu beneiden. Sie könnten versuchen, der Wirtschaft durch weitere Zinssenkungen unter die Arme zu greifen. Sie könnten allerdings feststellen, dass sie ihr Pulver schnell verschossen und nichts bewirkt haben. Zudem besteht die Gefahr, dass sie - wie in den USA - die falschen Signale setzen. In der Fed scheint inzwischen die Erkenntnis zu dämmern, dass die Probleme der US-Wirtschaft auch die Folge einer falschen Geldpolitik sind. Fragt sich nur, wen sie jetzt mit ihrer Behauptung überzeugen will, dass Notenbanken auch in einer Deflation nicht ohnmächtig sind.

Marietta Kurm-Engels
Marietta Kurm-Engels
Handelsblatt / Redakteurin
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