Zinsen und Firmengewinne beeinflussen den Markt
Chartkommentar: Zinssenkungen alleine reichen nicht aus

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat den Diskont gesenkt. Dies führte zu einer kurzen Euphorie am Aktienmarkt. Eine längerfristige Betrachtung zeigt jedoch, dass sinkende Zinsen alleine nicht zu einem Kursaufschwung führen. Die zu erwartenden steigenden Gewinne der Unternehmen gehören dazu.

DARMSTADT. Zinsen runter, Aktienkurse hoch ? Ganz so einfach ist es nicht. Eine Chartanalyse, die das komplizierte Beziehungsgeflecht zwischen Renten- und Konjunkturzyklen seit 1960 widerspiegelt, stellt einen ausgeprägten Optimismus in Frage.

Im Chart steht an Stelle der langfristigen Zinsen der Rentenindex - also der Kehrwert der Zinsen. Damit wird es optisch einfacher, den Rentenindex mit den Auftragseingängen (Konjunkturzyklen) zu vergleichen, die ihrerseits zu den frühesten Indikatoren der Konjunkturentwicklung zählen.

Aus dem Langzeitchart geht hervor, dass sinkende Zinsen - also ein steigender Rentenindex - für einen anschließenden Kursaufschwung alleine nicht ausreichen.

Korrektur der Fehlentwicklung ?

Am Beispiel der Entwicklungen in den Jahren 1986/87 sowie zu Beginn der 90er Jahre wird diese Situation am deutlichsten: Als die Aktienkurse 1986 nur wegen steigender Kurse für festverzinsliche Wertpapiere kletterten, obwohl die Auftragseingänge ein Abflauen der Konjunktur signalisieren, kam es bereits ein Jahr später zur Korrektur dieser Fehlentwicklung am Aktienmarkt. Wenn hingegen Auftragseingänge und Rentenkurse steigen, dann war mit einem langanhaltenden Aufschwung der Aktienkurse zu rechnen - wie etwa zu Beginn der 90er Jahre.

Vorige Woche nun senkte die Notenbank die Zinsen geringfügig. Allerdings kann damit nur die kurzfristigen Zinsen beeinflussen. Die langfristigen Zinsen fallen bereits seit Mai vorigen Jahres. Die Zinsen hatten - am Rentenindex dargestellt - eine untere Umkehrformation ausgebildet, was anschließende Kurssteigerungen am Rentenmarkt zur Folge hatten. Im März dieses Jahres war der Rentenindex an der oberen Trendlinie eines aufwärts gerichteten Trendkanals angelangt und an ihr abgeprallt. Die Zinsen festverzinslicher Wertpapiere fielen. Inzwischen ist er jedoch wieder auf der unteren Trendlinie dieses Kanals angekommen, worauf die Kurse festverzinslicher Wertpapiere wieder leicht angestiegen sind und sehr wahrscheinlich weiter steigen werden - was für den Aktienmarkt positiv wäre.

Langanhaltende Aufwärtsentwicklung unwahrscheinlich

Allerdings sprechen die Auftragseingänge eine andere Sprache: Die neuesten Daten zeigen, dass die Konjunktur dramatisch abflaut, weshalb auch mit weniger steigenden, wenn nicht gar sinkenden Gewinnen der Aktiengesellschaften zu rechnen sein wird. Dass die EZB der abflauenden Konjunktur Rechnung trägt und die Zinsen senkt, scheint nur allzu logisch. Sie verhält sich damit ähnlich wie die amerikanische Notenbank, die sich frühzeitig bemüht hat, die abflauende US-Konjunktur wieder in Gang zu bringen. Ob ihr das gelingen wird, ist derzeit völlig offen. Derzeit verlaufen Rentenindex und Auftragseingänge gegensätzlich, daher ist eine langanhaltende Aufwärtsentwicklung der Aktienkurse unwahrscheinlich. Erst wenn Rentenindex und Auftragseingänge gleichzeitig steigen, dürfte mit einer erneuten langanhaltenden Hausse am Aktienmarkt zu rechnen sein. Die untere Wende der Entwicklung der Auftragseingänge ist allerdings noch nicht in Sicht.

Dr. Hans-Dieter Schulz ist Experte für technische Analyse und Mitherausgeber der Hoppenstedt- Charts.

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