Zinspolitik der Europäischen Zentralbank
Kommentar: Ruhig Blut

Die Europäische Zentralbank (EZB) sollte sich nicht beirren lassen. Von den Politikern nicht, von den Finanzmärkten nicht und auch nicht von diversen Crash-Propheten. Es besteht keine Eile, die Leitzinsen zu senken. Aktionismus, wie ihn US-Notenbankchef Alan Greenspan an den Tag legte, würde den europäischen Währungshütern nur schaden. Greenspan kann machen, was er will. Es wird ihm positiv ausgelegt. In dieser beneidenswerten Situation ist die junge europäische Notenbank noch nicht. Sie muss sich ihr Standing noch erobern.

Achtung und Anerkennung wird sie auf keinen Fall durch viele und schnelle Schritte ernten. Weniger kann mehr sein - das wissen die Frankfurter Währungshüter sehr gut. Deshalb halten sie sich an den klassischen Fahrplan. Erst gründlich analysieren, dann ausführlich diskutieren und schließlich mit Bedacht entscheiden. Im Moment sind die Euro-Währungshüter offenbar erst am Anfang dieser Kette, weshalb sich morgen schon deshalb jede Zinssenkung verbieten sollte. Das würde unüberlegt, übereilt und möglicherweise panisch wirken. Dafür gibt es keinen Grund.

Sicher, die Daten aus der Wirtschaft sehen nicht mehr so gut aus wie vor ein paar Monaten. Die Stimmung ist nicht nur am Aktienmarkt schlechter geworden, sondern auch in den Unternehmen selbst. Ein wichtiger Grund dafür sind die USA. Wohin dort die Wirtschaft treibt, ist immer noch nicht zuverlässig einzuschätzen. Allerdings sind die Auswirkungen auf Europa noch nicht als wirklich gravierend einzuschätzen.

Aus der Sicht der Währungshüter sieht es sogar recht gut aus. Zwar werden die Wachstumsprognosen etwas gesenkt. Doch die andere Seite der Medaille: Gleichzeitig treibt der Geldmantel, den die EZB auslegt, in einen tolerablen Bereich hinein. Und was letztlich entscheidend ist: Der Inflationsdruck könnte nachlassen. Noch befinden sich die aktuellen Teuerungsraten zwar in Größenordnungen über zwei Prozent, die kein Euro-Währungshüter gut finden darf. Doch die jüngsten Konjunkturdaten lassen hoffen, dass zumindest keine Beschleunigung der Preissteigerung zu erwarten ist. Vielleicht sinken die Inflationsraten demnächst sogar.

Damit ist zugleich das Meinungsspektrum beschrieben, das sich aus den Äußerungen der EZB-Währungshüter ergibt. Unter dem Strich wirkt die Geldpolitik neutral auf das Wirtschaftsgeschehen, sie stimuliert nicht, sie stört aber auch nicht. Da ist die Frage berechtigt: Warum sollten Duisenberg und Co. dies ohne Not ändern?

Darüber müssen die Währungshüter in aller Ruhe nachdenken, ohne sich von all den guten Ratschläge irremachen zu lassen. Die sind ohnehin zu durchsichtig. Politiker wünschen sich fast immer nur niedrigere Zinsen. Und die Finanzmärkte können es einfach nicht ertragen, wenn nicht sofort nach ihrer Pfeife getanzt wird. Währungshüter wissen dagegen aus ihrer jahrelangen Erfahrung, dass sie das Geschehen an den Märkten ohnehin nur begrenzt in ihrem Sinne beeinflussen können. Selbst psychologische Signale verpuffen oft schneller, als man schauen kann.

Wie der Euro im Moment immer wieder beweist. Manche behaupten ja, nur eine Zinssenkung könne die Gemeinschaftswährung vor einem weiteren Absturz retten. Es gab Zeiten, in denen das Gegenteil geglaubt wurde. Die EZB sähe den Euro sicher gerne etwas höher. Doch darauf hat sie wenig Einfluss. Es ist der Dollar, in dem die Musik spielt, in den Anleger weltweit flüchten. Egal, was Währungshüter in Frankfurt oder Washington tun, gegen starke Trends an den Märkten sind alle Notenbanken am Ende machtlos.

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