Zinssenkung in den USA
Kommentar: Geschickter Zug

Die amerikanische Notenbank hat mit dem Zeitpunkt und der Form der Zinssenkung wieder einmal alle überrascht. Zum einen hat die Fed die Leitzinsen abermals, wie schon am 3. Januar, zwischen zwei Sitzungen des Offenmarktausschusses zurückgenommen. Zum anderen summieren sich die vier Zinssenkungen in diesem Jahr auf zwei Prozentpunkte.

Damit sind die Zinsanhebungen zwischen Ende Juni 1999 und Mai 2000, die 1,75 Prozentpunkte ausmachten, mehr als ausgeglichen worden. Alan Greenspan, der respektierte, aber auch gefürchtete Stabilitätsapostel an der Spitze der Notenbank, scheint seine frühere Priorität, vorrangig die Inflation zu bekämpfen, zurückgestellt zu haben. Das überrascht, denn die Verbraucherpreise sind in den vergangenen zwölf Monaten um etwa 3,5 Prozent gestiegen, weit gehend freilich wegen der nicht binnenwirtschaftlich bedingten Verteuerung von Ölprodukten. Noch vor einem Jahr stand die Abwehr der latenten Inflationsgefahren im Zentrum der Politik Greenspans.

Die labile wirtschaftliche Entwicklung muss den Stabilitätspolitiker Greenspan aus dem Gleichgewicht gebracht haben. Zwar hat sein eigenes Institut für März eine deutliche Verbesserung der Industrieproduktion errechnet. Gleichzeitig aber fiel der Index der Frühindikatoren, der eine Vorschau auf das wirtschaftliche Geschehen in sechs bis neun Monaten erlauben soll, im März wieder um 0,3 Prozent zurück. Auch haben die Verbraucher noch nicht ihr volles Vertrauen zur Konjunktur zurückgewonnen. Und schließlich: Das Außenhandelsdefizit der USA ist im Mai auch deshalb gesunken, weil die wichtigsten Lieferländer wegen der mangelhaften Aufnahmefähigkeit des US- Markts ihre Exporte drosseln mussten.

Natürlich kennt Greenspan das Spektrum der ökonomischen Prognosen für die USA, das zwischen einer nahen Rezession und einer kräftigen Erholung in der zweiten Jahreshälfte oszilliert. Er muss sich mithin die Frage gestellt haben, ob die wirtschaftlichen Kräfte durch eine neue Zinssenkung nicht noch rascher Aufschwung erhalten. Da Zinsänderungen nur mit einer längeren Verzögerung bei Verbrauchern und Unternehmen ankommen und ihre positiven psychologischen Wirkungen entfalten können, glaubte die Notenbank wohl, jetzt handeln zu müssen, um Wirtschaft und Verbraucher moralisch wieder aufzurüsten. Sicherlich zielt die neue Zinssenkung vornehmlich auf die Verbraucher.

Sie sind der Motor der Konjunktur. Denn auf ihre Nachfrage entfallen zwei Drittel des US-Bruttoinlandsprodukts. Aber die Verbraucher haben sich auch in den eineinhalb Jahren höherer Zinsen, zwischen Mitte 1999 und Anfang 2001, eigentlich nicht vom Konsum abhalten lassen, wenn man ihre steigende Verschuldung betrachtet. Nach eigenen Berechnungen der Notenbank haben die Konsumentenkredite noch im Februar 2001 um 13,5 Milliarden Dollar oder 10,5 Prozent zugenommen.

So lässt sich aus der Zinsentscheidung der Fed nur der Schluss ziehen, dass sie neuerdings mehr einer pessimistischeren Konjunkturbeurteilung zuneigt. Offenbar interpretiert sie die jüngsten ökonomischen Daten sehr skeptisch: Sie sieht weitere Risiken für die amerikanische Wirtschaft. Diese Risiken sollen so schnell wie möglich aufgefangen werden. Zwar kann die Notenbank nicht damit rechnen, dass der Konsum morgen schon wieder anspringt, dass die Industrie ihre Pläne für Entlassungen rasch revidiert und wieder neue Investitionen ins Auge fasst. Doch Greenspan legt der Wirtschaft mit seiner Entscheidung ein Stützkorsett an. Die Notenbank sieht ihren Auftrag eben auch darin, der Wirtschaft in Schwächephasen unter die Arme zu greifen.

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