"Zinssenkungen allein reicht nicht"
Duisenberg mahnt Reformen an

Nur eine Woche nach der kräftigen Zinssenkung der Europäischen Zentralbank (EZB) ist EZB-Präsident Wim Duisenberg Spekulationen über einen baldigen Zinsschritt erneut entgegengetreten. Mit dem Ausblick auf eine nur langsame Konjunkturerholung und stabile Preisen ließ er aber die Möglichkeit weiterer geldpolitischer Lockerungen offen.

Reuters BRÜSSEL. Duisenberg betonte am Donnerstag abermals, es sei zu früh, über zusätzliche Zinsschritte zu diskutieren. Er warnte im Wirtschafts- und Währungsausschuss des Europäischen Parlaments vor übertriebenen Erwartungen an die Geldpolitik und mahnte verstärkte Anstrengungen zu Strukturreformen an. Der EZB-Chef wies Befürchtungen zurück, Deutschland oder der Euro-Zone drohe eine Deflation.

Die EZB hatte den Leitzins um 50 Basispunkte auf 2,00 %, das niedrigste Niveau der Nachkriegszeit in allen Euroländern, reduziert. Viele Finanzexperten halten jedoch weitere Zinsschritte der EZB für unausweichlich. Nach dem Zinsentscheid vergangene Woche hatte Duisenberg auch auf die Möglichkeit einer weiteren Zinssenkung hingewiesen. Er wiederholte nun seinen Hinweis auf weiteren Handlungsspielraum ebenso wie seine zuletzt zurückhaltendere Aussage: "Es ist zu früh, jetzt mit der Diskussion und Spekulation über künftige Zinsen zu beginnen."

Analysten sagten, mit diesen Bemerkungen wolle Duisenberg nicht das Ende des Zinssenkungszyklusses signalisieren, sondern nur Übertreibungen an den Finanzmärkten verhindern. "Ich glaube, sie haben noch Spielraum für 25 Basispunkte, wenn sich die Konjunkturdaten weiter verschlechtern", sagte Volkswirt Michael Schubert von der Commerzbank. "Aber wenn es jetzt wider Erwarten mit der Wirtschaft markanter aufwärts geht, war es der letzte Schritt." Nach einer Reuters-Umfrage erwarten Anleihestrategen eine weitere Zinssenkung der EZB um einen viertel Prozentpunkt.

Niedrige Inflation bei langsamer Erholung erwartet

Duisenberg sprach erneut von einer "sehr schwachen" Konjunktur im bisherigen Jahresverlauf. Noch 2003 werde allerdings eine allmähliche Erholung einsetzen, die sich 2004 verstärken werde. Der stärkere Euro werde einerseits zwar die Wettbewerbsfähigkeit der Exporteure schmälern, doch dies werde durch eine stärkere Kaufkraft dank verbilligter Importe und Ölpreise ausgeglichen. In ihren aktuellen Projektionen senkte die EZB die Vorhersage für das Wachstum in diesem Jahr auf nur noch 0,7 % im Mittel, nachdem sie bereits zur Zinssenkung im März die Prognose um einen halben Prozentpunkt auf rund ein Prozent heruntergeschraubt hatte. Für 2004 lautet die Vorhersage jetzt 1,1 bis 2,1 % Wachstum.

Duisenberg betonte vor den Parlamentariern, die Geldpolitik allein könne die wachstumsdämpfenden strukturellen Probleme in der Euro-Zone nicht lösen. Dazu seien Strukturreformen und eine Konsolidierung der öffentlichen Finanzen erforderlich.

Der EZB-Präsident stellte zudem erneut in Aussicht, dass die Inflationsrate 2004 wegen der Euro-Aufwertung und der schwachen Konjunktur deutlich unter zwei Prozent sinken werde. In ihren halbjährlichen Projektionen sagt die EZB für die Inflation eine Spanne von 0,7 bis 1,9 % voraus. Damit läge die Preissteigerung 2004 im Mittel mit 1,3 % auch deutlich unter der Zwei-Prozent-Grenze. Die EZB hatte kürzlich ihre Definition von Preisstabilität konkretisiert und erklärt, die angestrebte Teuerungsrate müsse nicht nur unter, sondern auch nahe zwei Prozent liegen.

EZB kämpft sowohl gegen Deflation als auch gegen Inflation

Der EZB-Chef unterstrich, die Währungshüter wollten mit der Klarstellung ihrer Stabilitätsnorm die Bereitschaft betonen, bei der Inflation einen ausreichenden Sicherheitsabstand zu negativen Raten zu wahren, um eine Deflation zu verhindern. Derzeit gebe es aber keine Hinweise auf eine gefürchtete Abwärtsspirale aus sinkenden Preisen und schrumpfender Wirtschaftsleistung in der Euro-Zone. Dies gelte sowohl für den Währungsraum insgesamt als auch für die einzelnen Regionen. "Wir haben keine Angst, dass das Gespenst der Deflation wiederkehrt."

Volkswirte warnen vor allem vor einer Deflation in Deutschland, das schon länger die niedrigste Teuerungsrate aller Länder aufweist. Sollte der Euro-Zone eine Deflation drohen, sei die EZB bereit, mittels ihrer Zinspolitik oder mit Operationen auf den Geld- und Kapitalmärkten gegenzusteuern, versicherte Duisenberg. "Aber wir sind zuversichtlich, dass wir das nicht müssen, weil wir das nicht sehen."

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%