Zinssenkungen in den USA könnten auf kurze Sicht wirkungslos bleiben
Alan Greenspans Macht hat ihre Grenzen

tmo FRANKFURT. Amerika setzt derzeit seine Hoffnungen vor allem auf einen Mann: Alan Greenspan. Der 74-jährige US-Notenbankchef soll die amerikanische Konjunktur vor einem Absturz bewahren.

Greenspan bedient mit der Zins- und Geldpolitik einen zentralen Schalthebel der US-Wirtschaft. Er kann jedoch die Konjunktur nicht nach Belieben steuern. Denn seine Instrumente wirken indirekt und zum Teil zeitverzögert.

Die meisten Beobachter vermuten, dass Greenspan mit seiner überraschenden Zinssenkung vor allem ein psychologisches Signal setzen wollte: Die Fed stemmt sich massiv gegen eine drohende Rezession, diese Botschaft habe Greenspan vermitteln wollen. Die Investoren reagierten zunächst erleichtert, wie die Kurssprünge der US-Börsen zeigten.

Dieser psychologische Effekt kann sehr konkrete Folgen haben: Erleichterte Investoren dürften eher bereit sein, den US-Firmen weiterhin über die Börse Kapital zu geben. Dieses Geld können die Unternehmen wiederum investieren. Stabile Finanzmärkte reduzieren zudem das Risiko einer Abwärtsspirale der Erwartungen - also eines Teufelskreises aus Kursverlusten, Konsumzurückhaltung, sinkenden Unternehmensgewinnen und weiter fallenden Börsen.

Für die USA hängt viel davon ab, ob Greenspan die wachsenden Rezessionsängste zerstreuen kann. Das gelang ihm vor zwei Jahren, als in den USA Konjunktursorgen aufkeimten. Zu Beginn der 90er Jahre rutschte die US-Wirtschaft dagegen trotz massiver Zinssenkungen in eine Krise.

Ob die aktuelle Lage eher mit 1998 oder 1990 vergleichbar ist, erscheint derzeit offen. Die erneuten Kursverluste der US-Börsen nach dem Zwischenhoch sprechen aber dafür, dass der Pessimismus der Anleger nicht vollends besiegt ist.

Im Gegensatz zum psychologischen Signaleffekt reagiert die Realwirtschaft erst mit großer Zeitverzögerung auf Zinssenkungen. Greenspans jüngster Zinssschritt schlägt erst nach vielen Monaten voll auf die reale US-Ökonomie durch. Wie lange dies genau dauert, darüber streiten die Wissenschaftler. Auch sonst sind viele Details des komplexen Zusammenhangs zwischen Geldpolitik und realer Wirtschaft bis heute umstritten.

Konkret bedeutet eine Leitzinssenkung zunächst, dass die einzelnen Banken zu günstigeren Konditionen von der Fed Kredite erhalten. Als "Bank der Banken" versorgt das Fed-System nämlich hauptsächlich Finanzinstitute mit frischem Geld.

Die Banken können nun selbst günstiger Kredite vergeben, weil ihre Refinanzierungskosten gesunken sind. Firmen und Verbraucher wiederum nutzen niedrigere Kreditzinsen häufig, um zusätzliche Darlehen aufzunehmen. Dieses geliehene Geld kann dann in Form steigender Investitionen und Konsumausgaben die Konjunktur ankurbeln.

Diese Wirkungskette kann jedoch an mehreren Stellen abreißen: So fürchten manche Volkswirte, dass die US-Banken aus Furcht vor Zahlungsausfällen derzeit kaum zusätzliche Kredite vergeben. Auch nehmen Verbraucher und Firmen bei Unsicherheit über die Wirtschaftslage manchmal gar keine zusätzlichen Darlehen auf.

Greenspan kann also durch seine Zinssenkungen zwar positive Impulse setzen. Ob die erhoffte Konjunkturstimulierung jedoch eintritt, das kann der mächtigste Mann der weltweiten Finanzwelt nicht bestimmen.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%