Zinssenkungsspielraum
Inflation so niedrig wie seit 1999 nicht mehr

Die Inflation in Deutschland hat sich im Mai vor allem wegen billigeren Heizöls auf den niedrigsten Wert seit Oktober 1999 abgeschwächt. Volkswirte warnten jedoch davor, Deutschland bereits auf dem Weg in eine für die Wirtschaft äußerst schädliche Deflation zu sehen.

Reuters BERLIN. Nach vorläufiger Berechnung des Statistischen Bundesamtes vom Freitag mussten die Verbraucher 0,2 Prozent weniger für ihre Lebenshaltung ausgeben als im April. Die Jahresteuerungsrate ging auf 0,7 Prozent von 1,0 Prozent im Vormonat zurück. "Wir sind jetzt schon im Unschärfebereich, wo man sich an der Schwelle zu einem zurückgehenden Preisniveau befindet", sagte Bernd Weidensteiner von der DZ Bank. Allerdings erwarten viele Volkswirte, dass die Inflationsrate nicht weiter sinkt. Für die Europäische Zentralbank (EZB) schaffen die deutschen Preisdaten weiteren Spielraum für eine Leitzinssenkung, die Notenbanker Analysten zufolge durch entsprechende Äußerungen für Anfang Juni andeuteten.

Volkswirte hatten im Schnitt für Deutschland unveränderte Preise zum Vormonat und eine Jahresteuerungsrate von 0,9 Prozent erwartet. Bereits nach den Daten aus sechs Bundesländern, auf Basis derer das Bundesamt die vorläufige deutsche Rate berechnet, hatte sich für die Analysten allerdings ein stärkerer Rückgang abgezeichnet.

Grund für den unerwartet deutlichen Preisrückgang waren vor allem billigere Mineralölprodukte. Ohne Heizöl und Kraftstoffe hätte die Jahresteuerung dem Statistikamt zufolge 0,8 Prozent betragen, zum Vormonat wären die Preise unverändert geblieben. "Der Kursanstieg des Euro macht sich bei den Importen allgemein und natürlich auch bei den Ölpreisen bemerkbar", sagte Elisabeth Andreae von der Commerzbank. Durch den Anstieg des Euro werden in Dollar abgerechnete Importe - darunter Öl - billiger.

Volkswirte sehen nur geringes Deflationsrisiko

Trotz der niedrigen Inflationsrate schätzen die Analysten die Gefahr, dass Deutschland in eine gefährliche Spirale aus sinkenden Preisen und ausbleibender Nachfrage abrutschen könnte, als gering ein. "Obwohl eine Deflation nicht ausgeschlossen werden kann, ist dies nicht das wahrscheinlichste Szenario", sagte Markus Heider von der Deutschen Bank. Weidensteiner warnte davor, aus einigen Monaten mit rückläufigem Preisniveau eine Deflation abzulesen: "Zu einer richtigen Deflation japanischen Vorbilds braucht es mehrere Jahre rückläufiger Preise bei schwacher Wirtschaftsentwicklung und Problemen im Finanzsektor."

In einer Umfrage vom Donnerstag hatten die befragten Volkswirte das Risiko einer Deflation im Mittel für 2004 mit 20 Prozent und für dieses Jahr mit 12,5 Prozent beziffert. Der Internationale Währungsfonds (IWF) hatte dagegen am Wochenende die Deflationsgefahr für Deutschland als hoch eingestuft. Andreae sagte, die Inflationsrate dürfte in Deutschland in den kommenden Monaten wohl unter einem Prozent liegen, allerdings nicht deutlich weiter zurückgehen. Auch die Analysten der Bankgesellschaft Berlin sehen mit dem Wert im Mai den vorläufigen Tiefpunkt erreicht.

EZB-Zinssenkung im Juni gilt als wahrscheinlich

Für die EZB, deren oberstes Ziel Preisstabilität ist, schaffen die deutschen Preisdaten Luft für eine von vielen erwartete Zinssenkung. Jüngste Äußerungen des spanischen Notenbank-Chefs und EZB-Ratsmitglieds Jaime Caruana deuten Weidensteiner zufolge auf einen solchen Schritt beim Ratstreffen am 5. Juni hin. "Man gewinnt den Eindruck, dass die EZB eine Zinssenkung für Anfang Juni bereits verbal vorbereitet", sagte der Analyst. "Wenn man sich den stark steigenden Euro vor Augen führt, könnte sie um 50 Basispunkte senken."

Caruana sagte am Freitag, der Ausblick für die Inflationsentwicklung in der Euro-Zone verbessere sich erheblich. Dies werde die EZB bei ihrer Zinsentscheidung berücksichtigen. Das niederländische Ratsmitglied Nout Wellink sprach in einem Interview ebenfalls von Zinssenkungsspielraum für die Notenbank, bezeichnete diesen aber gleichzeitig als begrenzt. Im April lag die Inflation im Währungsgebiet mit 2,1 Prozent noch knapp über der EZB-Toleranzgrenze von zwei Prozent.

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