Zitterpartie um Kanzlerstimmen
Wiederwahl mit Schönheitsfehler

Um 11.15 Uhr löste sich die Spannung im Regierungslager. Bundestagspräsident Wolfgang Thierse bekam den Zettel mit dem Ergebnis zugeschoben. Gleichzeitig wurde der Hauptakteur in der ersten Reihe im Plenarsaal vorab informiert.

HB/dpa BERLIN. Thierse, der am Dienstag seinen 59. Geburtstag feierte, machte die Auszählung dann offiziell: "Abgegebene Stimmen 599, gültige Stimmen 599, mit Ja haben gestimmt 305". Im tosenden Beifall von SPD und Grünen gingen die 292 Gegenstimmen und die zwei Enthaltungen unter. Die Gratulanten reihten sich vor Gerhard Schröder auf. Ein Herbststrauß wurde überreicht. Joschka Fischer zog der sichtlich bewegte Kanzler besonders herzlich an die Brust. Auch seinen bisherigen Arbeitsminister Walter Riester, dem er mit schlechtem Gewissen und mulmigen Gefühlen den Laufpass gegeben hatte.

Der Rest war dann nur noch Formsache: "Ja, Herr Präsident, ich nehme die Wahl an", sagte Schröder mit fester Stimme, bevor er mit seiner feierlichen silber-schwarzen Krawatte ins Präsidialamt entschwand, um dort die Ernennungsurkunde von Johannes Rau entgegenzunehmen. "Viel Glück, Geschick, eine gute Hand und Gottes Segen", wünschte ihm Rau dabei. Bis zur Vereidigung im Bundestag mussten sich der Kanzler und sein neues Kabinett dann noch einige Zeit gedulden.

Zumindest den frisch Gekürten störte offenbar nicht weiter, dass mindestens einer der Abgeordneten aus der Koalition ihn nicht mitgewählt hat. Als kleiner Schönheitsfehler wurde dies abgetan. "Die eine Stimme, das juckt nun wirklich nicht. Schließlich wird der Kanzler nur alle vier Jahre gewählt", gab sich Fischer gelassen.

Die Suche nach dem Abweichler

Immerhin schaffte es seit 1949 noch kein Regierungschef, bei einer Wahl alle Stimmen aus dem eigenen Lager hinter sich zu bringen. Vor vier Jahren konnte Schröder bei seiner Erstwahl sogar ein halbes Dutzend Abgeordnete aus der Opposition auf seine Seite ziehen. Die Stimmen stammten damals vermutlich von der PDS. Doch diesmal hatten die beiden übrig gebliebenen PDS-Damen angekündigt, gegen Schröder zu stimmen. Wer der Abweichler im rot-grünen Lager war, darüber konnte nur spekuliert werden.

Eine gewisse Nervosität vor der Wahl konnte auch Franz Müntefering nicht leugnen. Es sei am Dienstag besonders früh wach geworden, berichtete der Fraktionschef. Nur mit einiger Mühe war es gelungen, sämtliche 251 Abgeordnete rechtzeitig zusammenzuholen. Erst morgens um fünf Uhr war der rheinische SPD-Parlamentarier Reinhard Hemker vom "Ironman"-Triathlon aus Hawaii noch gerade pünktlich in Berlin gelandet. Die Grünen meldeten dagegen keine Probleme, um ihre 55 Mitglieder geschlossen antreten zu lassen. "Alle Schäfchen waren an Bord", meldete der Außenminister in nicht ganz grün-korrektem Unterton.

Fast wäre der Koalition aus eigener Nachlässigkeit noch eine weitere Stimme verloren gegangen. Der Abgeordnete Jörg Tauss hatte sich während des Namensaufrufs schlichtweg fest geplaudert. Als Thierse die Abstimmung eigentlich schon geschlossen hatte, hetzte der SPD-Forschungsexperte mit einem lauten "Halt" doch noch in eine der weißen Wahlkabinen. FDP-Parlamentsmanager Jörg van Essen protestierte beim Präsidium vergeblich gegen die verspätete Stimmabgabe von Tauss, der sich von den eigenen Leuten Ärger und Spott einhandelte.

"Das ist ein schmaler Grat, auf dem wir gehen", war SPD - Zuchtmeister Müntefering angesichts der knappen Mehrheit im neuen Bundestag nach Schröders Wiederwahl klar. Am Dienstag erschien auch die SPD-Abgeordnete Marga Elser, mit Krücken und einem dicken Gipsverband. Die Parlamentarierin aus Lorch lag lange Zeit im Koma und ist noch mitten in der Erholungsphase. Auch bei künftigen wichtigen Abstimmungen kann die Koalition auf Krankheiten in den eigenen Reihen nur wenig Rücksicht nehmen. Immerhin gab sich Müntefering nach dieser bestandenen Prüfung noch einmal großzügig. "Ein Glas Sekt ist erlaubt".

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