Zivilschutz: „Allenfalls bedingt gerüstet"

Zivilschutz
„Allenfalls bedingt gerüstet"

Deutschlands Zivilschützer sind nach Ansicht von Experten auf Attentate mit Viren oder chemischen Waffen nur unzureichend vorbereitet - Besuch bei einer Übung.

Es piept. Schrille, lange, aufschreckende Töne. Auf dem Computermonitor blinkt ein Totenkopf, eine blaue Kurve schnellt nach oben: Gasalarm. "Stopp!" ruft Einsatzleiter Jens Lehmann. Der rote Kastenwagen, der in Schrittgeschwindigkeit zwischen Backsteinhäusern über holpriges Pflaster rumpelte, hält jetzt an. Lehmann gibt eine Hausnummer ein und die neue Order aus: "Schnell zurück, raus aus dem Gas."

Wäre dies hier keine Übung an der Feuerwehrschule in Loy, einem Ort bei Oldenburg, wären Lehmann und seine drei Kollegen durch Giftgas gefahren und nicht durch eine simulierte Benzolwolke, sie könnten tot sein.

Sie sitzen nicht im abgedichteten Spürpanzer Fuchs, den die Bundeswehr in Kuwait einsetzt. Sie sitzen nur in einem innen umgebauten Fiat Ducato, den die deutschen Zivilschützer ABC-Erkundungskraftwagen nennen und den die Bundesregierung zuletzt 350fach ausgeliefert hat: ein feuerrotes Schutzmobil - voll gestopft mit Spezialgeräten und 90 000 Euro teuer, aber luftdurchlässig wie das normale Modell.

Hinten im Regal, neben den Gummihandschuhen, liegen zwar giftgrüne ABC-Anzüge, die gegen atomare, biologische und chemische Gefahren schützen. Aber es sind nur zwei, für vier Mann Besatzung. Der Gummischutz ist lediglich für die gedacht, die draußen Proben sammeln. "Bei Kampfstoffen hätte ich Probleme damit, den Wagen einzusetzen", sagt der Leiter der Feuerwehrschule, Christian Kielhorn. "Der A-Bereich ist gut, der C-Bereich problematisch, der B-Bereich nicht vorhanden."

Aber er muss froh sein, dass er die Feuerwehrleute und Rotkreuzler in den Ducatos üben lassen kann. Es ist das erste Seminar dieser Art in Niedersachsen. 20 Landkreise hier haben einen der neuen Erkunder bekommen, viele andere hätten gerne Ersatz für veraltete Geräte. "Mit der Auslieferung der Fahrzeuge an alle Bundesländer steht erstmals in Deutschland ein flächendeckendes System an ABC-Erkundungsfahrzeugen zur Verfügung", hat sich Bundesinnenminister Otto Schily gelobt, als er vor einem Jahr in Neuss 13 Ducatos übergeben hat. Aber die Wagen haben schon eine lange Vorgeschichte: 1994 als Teil des "Neukonzepts Erweiterung des Katastrophenschutzes" angekündigt, 1998 ausgeschrieben, dann teils lange auf Parkplätzen abgestellt, weil die Messanlagen fehlten.

"Der Bund hat das Thema seit dem Zusammenbruch des Ostblocks schleifen lassen", sagt Horst Schöttler, stellvertretender Vorsitzender des deutschen Komitees für Katastrophenvorsorge. Und Willi Streitz, Katastrophenforscher an der Universität Kiel, kritisiert "die eklatanten Defizite vor allem bei der Abstimmung zwischen Bund, Ländern, Kommunen und Hilfsorganisationen".

Nach dem Anschlag auf das World Trade Center haben Schilys Beamte eine "neue Strategie zum Schutz der Bevölkerung in Deutschland" entwickelt. Aber es geht nur langsam vorwärts. So soll erst jetzt eine Task-Force eingerichtet werden, die bei Katastrophen bundesweit den Einsatz koordiniert.

Jetzt, wo die Gefahr allen bewusst geworden ist, sind Typen gefragt wie Christian Kielhorn, 35: Grungebärtchen, kurz geschorenes, blondes Haar, Schulleiter seit vergangenem April: "Ich bin ein Kind des 11. September", sagt er. Sein Doktortitel in Chemie war plötzlich zur Schlüsselqualifikation geworden.

"Die Wagen sind ein Anfang", lobt Kielhorn verhalten. Er trägt blaue Feuerwehrstrickjacke, blaue Feuerwehrmütze und später auch ein blaues Feuerwehrjackett. Eichenkranz und ein Balken in Gold auf den Schulterklappen kennzeichnen ihn als Brandassessor. Es geht militärisch zu bei der Feuerwehr, auch sprachlich: Als der Ausbilder Gruppen einteilt, weist er "Kamerad Richter" zu "Kamerad Lehmann".

Jörg Richter, 26, kommt aus Bawinkel im Emsland, sein T-Shirt weist ihn als Mitglied des dortigen ABC- Schutzzuges des Deutschen Roten Kreuzes aus. Er hat Urlaub genommen für den Lehrgang, ist freiwilliger Helfer wie die meisten hier.

Am nächsten Tag wird Richter nach Hause fahren. Dort wird er den Kollegen zeigen, wie der Wagen funktioniert. Sie werden alle zwei Wochen üben, und vielleicht werden sie wieder Einsätze haben wie den Milzbrand-Fehlalarm oder den Brand in der Kabelfabrik. Aber wären sie auch für einen Anschlag mit Gas oder Viren gerüstet? "Dazu sage ich lieber nichts", sagt Richter - und grinst fröhlich. Sollen andere sich den Mund verbrennen. Experte Horst Schöttler hat weniger Scheu und antwortet deutlicher: "Allenfalls bedingt gerüstet. Einem Angriff zum Beispiel mit Sarin hätten wir nichts entgegenzusetzen."

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